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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessing , 1774.

Halberstadt , den 8, Februar 1774,

Ja, mein bester Freund, Halladat ist ganz, so wie es da ist, ausIhres Freundes Kopf aNein gekommen; nicht Ausdruck, nicht Dichtung,nicht ein Name darin schreibt sich anderswo her.

Da nun dem also ist, so möcht' ich meinen lieben Lessmg wohlbitten, sich doch recht zu besinnen, wo denn, und wann einmal auchnoch sonst so ein Kopf gewesen sey? Die Spuren, die er wahrzuneh-men geglaubt hat, können zwar unmöglich zu einer Quelle führen,weil nur die eine Quelle vorhanden ist; aber dennoch möcht' ich sogern wissen, in welchem Kopfe der große Kenner Aehnlichkcit mit demmeinigen gefunden hat.

Das ganze Geheimniß ist dieses: Seit meiner Kindheit hatt' ichden Gedanken, ein Buch, wie eine Bibel, zu schreiben. Dieser Ge-danke kehrte bey manchem Anlaß, besonders beym Streit über die In-spiration, mchrmalcn zurück. Ich hörte den Hofcath Michaelis inGöttingen, und den Consistorialratb Boyseil in Quedlinburg vomgöttlichen Mahomet sprechen, wie mein Lessing vom göttlichen Ho-mer. Boysen aber sagte mir im vorigen Sommer von seinerUebcrsetzung des Korans. Ich behauptete, Verse müßten in Verse ge-dolmetschet werden; nun gab ich ihm eine Probe, um der VerSartwillen. ES wurden der Proben zwey, drey u. s. w. So entstand inwenigen Wochen, in wenigen Stunden, könnt' ich mit Wahrheit sagen,das rothe Buch; und haV ich dem Genius, der mich in mancher Mor-genstunde zu drey Suren begeisterte, längere Besuche verstatten können,so würde, glaub' ich, noch mehr als ein Koran entstanden seyn.

Und nun, bester Lessing, nun denn ich befinde mich etwasbesser nun vergessen Sie die bösen Menschen, die Großen und Klei-nen, die Männer und Weiber, und sagen Sie Ihrem Glcim Ihre Mey-nung umständlicher über sein rothes Buch. Ich send' cS Ihnen zurückauf acht Tage; denn Sie können cS bey näherem Urtheil nicht entbehren.

Von den bösen Weibern und Anhang sprech' ich ein andermalausführlich mit meinem Lessing, und sag' ihm für jetzt nur, daß ichvon Kayser und König keine Gnade verlange, und daß die Übeln Fol-gen des vrinzlichen Besuchs mich bewegen werden, von den Großenkeine Besuche wieder zu wünschen.

Vergebung übrigens, daß ick) Sie um eine halbe schlafsüße Nachtgebracht habe. Die Vergütung mag seyn, daß ich Ihnen nun destomehr Zeit lasse, mir zu antworten.

Gleim.