Druckschrift 
Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
499
Einzelbild herunterladen
 

Briefe an Lessmg. 1774.

499

Berlin , den 14. Februar 1774.

Liebster Brudsr,

Wären mir Deine Briefe auch nicht so angenehm, als sie mirwirklich sind, so würden sie mir es doch durch die Seltenheit. Ichwill hiermit kcineSwegeS sagen, daß Du mir eher hättest schreibensollen: genug, Du hast mir geschrieben, und ich bin darüber so ver-gnügt, daß ich vollkommen vergnügt seyn könnte, wenn Du nur et-was vergnügter wärest.

Hast Du auch nicht Ursache mit der Welt zufrieden zu seyn, sohast Du es doch mit Dir selbst als Mensch, der alle Tage bessereEinsichten erlangt. Sind Deine äußerlichen Umstände nicht so, wieDu sie wünschest, nicht um Deiner selbst, sondern vielmehr um An-drer willen, nun, so erinnere Dich, daß Du thatest, so lange Dukonntest! Wer aufhören kann Dich zu schätzen, weil Du nicht mehrkannst, der ist nicht werth, daß Du jemals um ihn besorgt warst.Freylich ist das-alles gut sagen, aber oft ein Beweis, daß man viel zuhart ist, um eine solche Lage zu fühlen. Auch das ist wahr: nur hatdiese Lage für den Betrachter eine rührende Seite, die bey dem Manne,der eben so glücklich als verdient ist, sich nicht findet. Ich wollte sa-gen: Du verlierst in denen Augen nicht, in denen man nicht gernverlieren möchte; und was man in andern Augen ist, darauf kommtnicht viel an. Nicht nach seiner Laune leben können, aber doch derWelt nützlich leben und gelebt haben, ist wahrhaftig besser, als immernach seiner Laune leben und darüber vergessen, der Welt nützlich zuseyn. Und sogar an verdientem Glücke scheitern, war immer das LooSder guten Menschen. Nicht große Unternehmungen krönen, sondernSieg über große Schwierigkeiten, die man im Großen und Kleinenfindet. Aber mein Gott! in welchem Tone mit Dir! Ich verwünsch-ter Plauderer! Und doch muß ich fortplaudcrn!

Du sagst, meine Nachrichten von Dir müßten nicht die zuver-lässigsten seyn, weil ich durch sie erfahren, Du schriebest ein deutschesLexicon. Willst Du denn nicht über das Adclungischc Lcxicon schrei-ben? O, wenn Fama nicht unwahrhafter ist, oder nicht mehr hinzu-setzt, so kann man schon mit ihr zufrieden scvn. Du kannst glauben,daß ich auf diese Deine Arbeit recht sehr begierig bin; und ich bitteum ein Exemplar brühsiedcndhetß.

In Ansehung der orrhodorcn Theologie und der neumodischen phi-losophischen Theologie hast Du mich ganz anders genommen, als ichbin. Du glaubst, daß ich von der letzten eine bessere Meynung hege,

32°