Druckschrift 
Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
Seite
500
Einzelbild herunterladen
 

5V0

Briefe an Messing. 1774.

als von der erster». Eine andere, liebster Bruder, aber keine bessere.Wer wird Dir nicht Recht geben, daß unsere T°°, und wie sieweiter heißen, ungereimte Dinge mit der gesunden Vernunft nicht un-gereimt zu machen streben? Aber ist denn das Gebot der Orthodoxie,die Bibel nicht mit der gesunden Vernunft zu prüfen, Scharfsinn?Wenn Lcibnitz sagt: ich glaube; Lcibnii), der ohne Gründe sonst garnichts annimmt, und doch sieht, daß die Hauptsätze der Theologie wi-der alle Vernunft, oder, wie er sich sehr sinnreich ausdrückt, überalle Vernunft sind: heißt das wohl etwas anders, als ich erkläre cSfür absurd? Daß er sich hinter ein solches Wortspiel, als i'ibcr undwider die Vernunft ist, steckte, dafür konnten ihn seine Zeitgenossenentschuldigen; aber können uns unsere Zeiten nicht auch berechtigen,unsere Sprache zn ändern, und dem, was der Verschmitzte sonst Glau-ben nannte, einen erträglichen Sinn unterzulegen? Du sagst zwar,Lcibnitz zog nur eine Scheidewand, hinter der die Philosophie »»gestörtihren Weg gehen konnte. WaS heißt das anders, als sich absondern,wo man nicht bessern kann? Und daß er so handelte, dazu hatte erkeinen einzigen Grund mehr als diesen, daß er voraussah, er könneauf seine Zlrt mehr Gutes bewirken, als auf jede andere. Könnte dasnicht auch der Grund seyn, warum unsere neuen Theologen lieber in-consequcnt, als orthodox seyn wollen? Mit der Orthodoxie geht es un-möglich, nachdem Voltaire alle Schranken zwischen der exotcrischcnund esoterischen Theologie wcggewitzclt hat. Ich lasse cS dahin gestellt,ob eS jetzt Zeit war; ob diejenigen, die Voltairischc Ragouts essen,auch die derben philosophischen Speisen verdauen können, die nachDeiner Meynung dem Publicum nur vorgelegt werden sollten. DerOrthodox und der Hctcrodox denken nach ihren Rollen, und wenn siebeyde ihre Rollen gut spielen, so muß man sie loben. Die aufklären-den, die neuen Theologen, däucht mir, spielen jetzt, wenn nicht besser,doch mit mehr Beyfall. Laß sie beklatscht werden! Ich laS in einemenglischen Journale ein chinesisches Sprichwort, das ungefähr so hieß:Laß den Thoren plaudern, damit alle hören, daß er ein Thor ist.Aber sie müssen nicht ohne Kritik bleiben; sonst wären sie Bären sogut, wie ihre Gegner. Die rechte Kritik hält es mit keiner Parthey;sie sagt beyden Theilen das Gute und Böse auf den Kopf zu. Wirhaben statt ihres unreinen Wassers und ihrer Mistjauche noch genugreine Quellen: Tugend und gute Sitten bleiben, wenn die Theologenauch im Staate nichts mehr sind, als Seiltänzer und Zahnärzte. Dunimmst zwar die Parthey der Orthodoxen nicht so gerade, und lässestDir Auswege genug; aber Eberhard, (der nun endlich Prediger in