Briefe an Lcssiiig. 1774.
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Charlottcnburg geworden ist,) fragte, nachdem er den zweyten Theilder Wolfenbüttclschcn Schätze gelesen hatte, mit Recht: ob Du wohl,wenn Du ein Prediger wärst/ vor aller Welt cxoterisch philosophircnwürdest; und ob Du, da Du keiner bist, es so aufrichtig thun wür-dest, wenn es zum Streite käme? UcberdieS meynte er, daß kein Theo-loge mit seiner feyerlichen Sprache gegen die Deinige auskommenkönnte. Siehst Du, daß sie Dich kennen, und so bald sie sich mitDir einlassen, über gewisse Waffen ein Kartell machen werden?
Ehe ich davon aufhöre, bitte ich Dich/ liebster Bruder, von mirnicht zu glauben, daß ich Dir Deine eigne Art, die Welt aufzuklä-ren, verplaudern will. Wahrhastig! ich habe mich nie für wichtig ge-nug gehalten, nur dem mittelmäßigsten Kopf eine bessere Bahn weisenzu könne«! geschweige Dir. Ich habe Dir meine Art zu denken ent-deckt, um sie durch Deine Einwendungen zu bessern. Wer dem schnel-len Reisenden nur nachschleicht, kann wohl zuweilen etwas finden,was dieser vor vollem Eifer verloren, aber nicht gern verloren hat!wenigstens kann der Reisende cS nicht übel nehmen, daß der Nach-schleiche? cS glaubt.
Daß Du meine Komödien noch nicht gelesen, dabey gewinne ich.Aber daß Deine Anfälle zum Theater so kurze Zeit dauern, und Dirdann den größten Ekel erwecken, wahrhaftig! das ist mir allezeit dieunangenehmste Nachricht. Deine beyden letzten Stücke sind zwar fürDich von keiner andern Folge gewesen, als Deine ersten, allein dochfür den deutschen Geschmack. Daß Deine Emilia nicht so aufgenom-men wurde, als Deine Minna, daran ist die Art des Spiels und dieArt des Stücks Schuld. Unsern Acteuren gcräth alles ziemlich gut, wasin der rohen plumpen stcphanicschcn Manier, oder nicht viel weiterhinauf ist. Mad. Starkin nennt diese Modcstückc: Ropfruhcn. Deralte gute Koch, der vor zwanzig Jahren sterben mußte, wenn er eineinsichtsvoller Man» bleiben sollte, nimmt den Verfall dcS Theatersdaher, daß sich die Leute nicht mehr alles so gefallen lassen, und voneinem Schauspieler mehr verlangen, als zu einem geheimen Rathe ge-hört. Zu einem geheimen Rathe! Hierzu seine Schwachheit, sein Al-ter, seine Nahrungssorge, und die mitunter laufende ziemlich große Un-gerechtigkeit des PublicumS, dessen alberner Geschmack ihm doch auchnicht gänzlich entgeht. Jeder ist diesem Biedermanne gut, und letzt-hin soll ihm ein Minister den Anschlag gegeben haben, sich den Titelals Hofschanspicler bey dem König anszubitten; dann könnte er ihmeinige Abgaben erlassen, die doch jährlich an I6vo Thaler betragen,Koch thut cS. Als der König seine Supplik erbricht, sagt er zu sei-