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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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503
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Briefe an Lessing . 4774.

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fing er an noch einmal so derb zu schlagen, als vorher. Nachdem D.dies überstanden, fügt cS sich glücklicher Weise, daß ein vornehmerTürke, der von einem russischen Generale gefangen, und dem Königezum Geschenk gemacht worden, eine Sprache sprach, welche dieser phi-losophische Kanonier verstand, weshalb er nach Potsdam , weil keinanderer Dolmetscher da war, geschickt werden mußte. Der König ent-ließ den Türken bald darauf mit vielen Geschenken und Ehrenbezei-gungen in sein Vaterland, und schrieb an das hiesige Consistorium,diesen Drieß zu versorgen. Aber Gott ! einen Menschen, bey dem dieWissenschaften, die doch nur Luthers Reformation hervorgebracht, Giftsind und der heilige Geist und der Stock nichts vermocht hatten!Nein, man muß Gott mehr gehorchen, als den Menschen! Und wirk-lich, er hätte schon da unfrcywillig verhungern können, wenn ihnnicht Stosch zum Bibliothckdiener angenommen hätte. Dieser empfiehltihn Sulzern, welcher ihn zum Jnspector bey dem hiesigen Joachims-thalschen Gymnasium macht. Da kam er aber wieder mit der Geist-lichkeit in Collision. Er lehrte gefährliche Grundsätze, und machtePlane, wie die jungen Leute besser unterrichtet werden könnten. Ichmöchte eben nicht darauf schwören, daß sie um viel schlechter gewesensind, als der Herren Professoren ihre, die nicht eher ruhcten, als biser abgesetzt wurde. Was zu thun? Wieder Kanonier zu werden, würdeeinem andern eingefallen seyn, wenn ja kein Mittel weiter übrig war.Allein er dachte philosophischer: er lebte für sich kümmerlich, so langeer noch einen alten Lumpen zu verkaufen hatte z dann sagte er zu sei-ner alten Aufwärterin: nun will ich mich zu Bette legen und verhun-gern. Sie lacht darüber, und glaubt, der Hunger werde ihn schonanders philosophiccn lehren. Aber acht Tage gehen vorbey, in denener nichts ißt; er fällt zusehends ab. Nun wird Lärmen gemacht; seineFreunde, die ihn fast verlassen haben, sinnen auf Mittel, ihn von sei-nem Entschlüsse abzubringen. Keins gelingt. Er ist überzeugt, daßman sich selbst aus der Welt schicken darf. MoseS, der gegen seineMeynung geschrieben, wird sogar überredet, zu ihm zu gehen, nachdemer schon wieder acht Tage gehungert. Auch der bringt ihn auf keineandern Gedanken, ob er gleich auch nicht fähig ist, seine Gründe um-zustoßen. MoseS versicherte mich, die Fäulniß seines Körpers schonsehr gerochen zu haben. Doch thut D. endlich die possierliche Aeuße-rung, wenn er Vorleser des Königs werden könne, wieder essen zu wol-len. P. H.. , der von Drieß hört, da die ganze Stadt über dessenHerzhaftigkett erstaunt (zu der weiter nichts gehört, als ein wenig Un-ordnung im Gehirne), erstaunt mit, und bietet ihm in eigner hoher