Briefe an Lesstng. 1774.
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That gut ausgeführt/ vornehmlich der Götz von Brückner, der meinenicht allzugroße Erwartung weit übertraf; und wenn die Damen, außerder Starkin, nicht eben so gut sprachen, so waren sie doch gut nachdem Costume gekleidet. Meil hatte sehr gute Zeichnungen dazu gemacht.Madame Starkin konnte sie selbst nicht tadeln, und war doch mit derihrigen unzufrieden. Denn er hätte die Kleidung nach ihrer Figurangeben, und nicht eine Figur erfinden sollen, der freylich diese Co-stüm-Kleidung, aber nicht ihr, ungemcin schön stand. Doch welchesKünstlers Sorge geht so weit? Genug, MeilS Zeichnungen warenschön und geschmackvoll. Unsere Frauenzimmer können sich sehr oftnach der Mode, aber selten nach Costume und Zeichnung gut kleiden.Die mannichfaltigen Decorationen, bei einem so elenden Theater, wiedas hiesige ist, kannst Du Dir leicht vorstellen, waren höchst jämmer-lich. Ungeachtet das Stück verkürzt werden mußte, so hatte ich dochfür meine Wenigkeit gesorgt, daß keine Kochische Verbesserung sichcinschlich. Die Scene, wo die RcichSarmee auftritt, und alle dieje-nigen, welche keine auffallende Handlung haben, blieben weg. DerZusammenhang wird dadurch weder besser noch schlechter. Auch in derSprache ward nichts geändert, als hin und her ein gar zu derberAusdruck- Bey der Antwort auf die Aufforderung des Götz wurdennur die letzten Worte weggelassen.
Was Herr Namler von dem Stücke und insbesondere von der Auf-führung denkt, kann ich nicht erfahren; bald aber werden cS alle wissen.Er soll eine Abhandlung über das Drama gemacht und der neuenAusgabe seines Batteux angehängt haben. Viele neue Aufschlüsse er-warte ich nicht, aber wohl, daß er manches verwerfen wird, was sei-nem Geschmacke sich nicht genug nähert.
Göthe soll durch dieses Stück bloß haben zeigen wollen, daß man inunsern Tagen auch Shakespearsche Schauspiele machen könne. Nun istfreylich nicht zu leugnen, daß er vieles geleistet, aber die Einheit des In-teresse hat er am wenigsten beobachtet. Sie ist Regel für alle Arten vonDramen, selbst Operetten und Burlesken nicht ausgenommen. Manweiß nicht, ob man sich für Götz oder Weißlingen intcresstren soll.Zu Anfang scheinen Beide durch ihre neue Verbindung Ein Interesseausmachen zu wollen; aber das verliert sich nachher ganz, und amEnde, könnte man sagen, werden von zwey Schauspielen die Scenenunter einander gemischt. Aus diesem einzigen Grunde schon müßteein ShakcspcarschcS Stück in der Aufführung weit mehr intercssiren.Aber worin mir Göthe selbst vor Shakcspcar einen Vorzug zu habenscheint, ist dicscS, daß er ganz vollkommen die Sitten der GcschichtS-