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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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511
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Briefe an Lessing , 1774.

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gemacht, über die meisten Bücher nur Recensiönchcn oder Anzeigenzu liefern, so mußte er doch hier eine Ausnahme machen, weil er eSschon mit seiner eigenen Alceste gethan hatte. Uebcrhaupt vergebe Eottdem Urheber der so genannten kleinen Nachrichten von Büchern, die, wieich nicht anders weiß, unser guter Freund Nicolai, der sich auf die Jagdder Vorurthcile sonst so gut versteht, aus England nach Deutschland verpflanzt. Die Entschuldigung:wer kann von allen elenden Schrif-ten die Ursachen, weshalb sie elend sind, erst angeben!" ist doch nichtsweiter, als eine despotische Grille der Faulheit oder Parrheylichkcit.

Göthens Spöttercy auf Pränumeration sagt entweder nichts, odersie sagt, daß Herr Göthe auch Vorurtheile hat. Warum soll mandenn nicht auf Pränumeration schreiben? Wenn einer oder der andereseinen Schweiß und sein Blut verschleudert: ist deshalb ein dritterniederträchtig, wenn er eS nicht thut? Ich weiß wohl, daß man sichmit der Einwendung herumträgt: der Merkur ist nicht so, wie manihn von einem Wieland erwartet! In der That, eS däucht auch mir,daß er nicht so ist, und Herr Nicolai hat bey Gelegenheit der Kritiküber den Merkur ein Anekdötchcn von einem Korinthischen Scholasti-kuS, das allerliebst paßt; aber paßt es nicht eben sowohl auf seinedeutsche Bibliothek? Und kann sich ein Mann, wie Wieland, nichtauch etwas Mittelmäßiges bezahlen lassen, nachdem er so viele vor-treffliche Arbeiten fast umsonst gemacht, was auch Orell, Gcßncr undCompagnie, und Reich ihm bezahlt zu haben vorgeben?

Nachdem KlovstockS Gelehrten-Republik erschienen ist was fürGlossen über die Art, sie in die Welt zu schicken! Und vom Bucheselbst, von dem ich Dir schon etwas vorgeplaudert habe, wenig odergar nichts! Bald heißts: eS sind Subscribenten dabey, die nicht sechsZeilen davon verstehen. Die CollccteurS haben die Leute recht dazugenothzüchtigt; viele haben gesagt: ob ich einem armen Mann einen Tha-ler gebe, oder Klopstockcn; und dergleichen Sächelchen. Geschieht die-ses Anlocken nicht bey jedem Handel? Und doch heißt man Handelnnicht niederträchtig? Warum denn bey dem Schriftsteller? Wenn manganz höhnisch sagt: er schreibt um Geld; so sage man mir doch, wel-ches edler ist, von seinen Seelcnkräften leben, oder von Renten, odergar von einer Gnadenpension eines Fürsten? Im letzten Falle treibtoft den Rechtschaffenen der Hunger zu Erniedrigungen, wo nicht garzu Ungerechtigkeiten. Verachtet man deshalb das Werk eines Künstlers,weil er sich so viel hundert Stück Ducatcn bezahlen lassen? oder gehtihm etwas an seiner Ehre ab, wenn er öffentlich sagt: ich arbeite nichtanders als für so und so viel?