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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe an Lessiug. 1774.

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Berlin , den 11. Julius 1774.

Liebster Bruder,

In meinem letztem konnte ich Dir den Tag nicht bestimmen, anwelchem unser Freund MoseS nach Pyrmont abgeht. Er wußte ihnselbst noch nicht, wird Dir ihn aber melden, und Dich mit in diesesBad einladen

Gestern die Hochzeit des Herrn Prediger Eberhard zu Char-lottenburg , er Minister Horst gab sie auf seinem Lusthause im Thier-garten. Wie die Braut heißt, weiß ich nicht; aber sie ist Kammerfraubei der Ministerin von Horst gewesen. Die Charlottenburger, die rechtzufrieden mit ihm sind, werden doch gegen die Frau und ihren Glau-ben nichts einwenden?

KlopstockS Gelehrten-Republik habe ich nun gelesen. Wer sagt,daß sie nicht viel gute, treffliche Sachen und einen neuen Aufschlußin die deutsche Sprache enthalte, entgeht schwerlich dem Verdacht derPartheysucht, allein ich muß doch auch gestehen, daß die Allegorie,mit der er gleichsam die deutsche Litteratur mustert, etwas zu gedehnt,und rund heraus! läppisch ist. Das zweyte, was mir nichtgefällt, ist das Geheimnißvolle, das Weithergcholte, das immer neuseyn Sollende, und aus einem ganz andern, aber bloß einzigen richti-gen Gesichtspunkte Betrachtende, welches, wenn man es endlich weghat, eine gute und ziemlich allen Lesern bekannte Wahrheit ist. Beyseinen Denkmalen der Deutschen möchte ich ihn fast in Verdacht haben,daß er uns eben so barbarisch und roth machen will, als unsere Vor-fahren waren, denen alle wilde Nationen in Amerika noch gleichen.Nichts als Todtschlagen seiner Feinde! Wenn cS natürlich ist, unsereFeinde oder unsere Eroberer, todtzuschlagen, und wenn dabey weiternichts gethan wird, was der Menschheit würdig wäre, so möchte iches eben nicht Liebe zur Freyheit nennen, (wenigstens nicht zu der Frey-heit, die dem Menschen eigentlich zukömmt,) sondern thierischen Triebsich zu wehren. Und wahrhaftig! wenn das deutscher Patriotismus ist,so ist eS noch eine Frage, ob französische Narrercy nicht eben so gutist: und wir im Grunde anders, aber nicht besser werden sollen.

Den Herren, welche mit den Worten Geschmack, Genie, Ta-lente, u. s. w. keine Gedanken verbinden, und doch damit den ganzenTag dem Klugen lästig werden, hat er ein Wort zu seiner Zeit gesagt;aber ich befürchte, daß diese Act Leute am wenigsten das Buch lesenwerden. Mit dem Worte Rritrcley ist er etwas in eine kindische Sa-Lesiings Merke xm. zz