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sich zugleich anbot, meine Briefe an Sie zu befördern. Er hatmich beynahe auf die Folter gelegt/ ihm zu sagen: ob Sie ihm auchgewogen wären? So ernstlich ich es ihm betheuerte, so hat er dochdiese Frage gewiß sechsmal wiederholt, und immer dabey gesagt: Ichbin ihm von ganzen Herzen gut, und wünsche nur daß wir ihn hierbehalten. Und ich dachte in meinem Herzen, ich wünsche es nicht;denn mein lieber Lcssing schickt sich besser zu der Wolfcnbüttlcr Biblio-thek, als unter die Hofschranzen; wenigstens wird ihn jene länger un-terhalten, als diese. Nicht wahr ich habe recht?
Bev de Hacn bin ich heute auch gewesen. Er war betroffen, wieer hörte, daß Sie abgereist wären. Ich habe Sie auf das Beste ent-schuldigt, und versichert, daß Sie sich vorgenommen hätten, bey Ih-rer Zurückkunst ihn zu allererst zu besuchen. Machen Sie mich nurnicht zur Lügnerin, und besuchen Sie ihn gewiß. Er ist Ihnen jctzoschon so gut, was wird er nicht von Ihnen halten, wenn er Sie nä-her kennen lernt? Sein AeußerlicheS, sagte er, indem er von Ihnenredete — verräth schon den rechtschaffenen Mann und den wahren Ge-lehrten. Was mir das Unangenehmste bey meinen Visiten war, ist,daß ich durchgehend hörte: der Kayser würde wenigstens bis EndeJuny ausbleiben. So hätte ich also wenig Hofnung, daß Sie michvon Heidelberg abholen könnten, was ich doch so sehnlich wünschte,und zwar aus vielen Ursachen wünschte. Wenn das gar nicht angehensollte, so seyn Sie doch so gütig, liebster Freund, und schreiben esmir in Zeiten, damit ich mich nicht vergebens aufhalte. Ohne dieAussicht Sie da zu sehn, halte ich mich schwerlich länger als vierzehnTage in meiner Vaterstadt auf. Sie sollen die genaueste Nachrichtvon dem, was ich thue, hier in Wien — und zwar bey Baron Geb-ier — antreffen, den ich bitten werde, wenn Sie sich allenfalls sehrlange in Italien aufhalten sollten — die Briefe durch Vockel dahinbefördern zu lassen. Erinnern Sie sich nur auch fleißig an Ihr Verspre-chen, mir recht oft schreiben zu wollen. Mit zwey Zeilen bin ich zu-frieden, die mir sagen: daß Sie wohl sind, und mich lieben; den» ichweiß wohl, daß man auf der Reise zu sehr zerstreut wird, um langeBriefe schreiben zu mögen. Eine Neuigkeit muß ich Ihnen noch mel-den, die heute über Tisch cezählt wurde: daß Madam E- nebst ihremSchwager oder Bruder und der Wezlarischen Familie sich nächstenszu der allein seeligmachenden Religion bekehren würden. Der dießgute Werk bewürket, spielt dem Teufel keinen kleinen Possen, weilzwey so hübsche Frauenzimmer darunter sind, von denen er doch auchein Liebhaber seyn wird?