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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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Briefe .in Lessing . 1775.

darauf haben antworten können. Wenn das aber auch ist, so hat esnicht viel zu bedeuten; denn die Zerstreuung, worin Sie nun leben,läßt Ihnen wohl wenig Zeit übrig, an mich, oder an meine Briefezu denken. Ich denke desto mehr an Sie, und versichre Sie auf dasheiligste, daß daS die erste heitre Stunde war, in der ich Ihren Brieferhielt, die ich gehabt, seitdem ich Sie verlassen habe. Besondersfreut mich, daß Sie wohl sind- Wenn Sie das nur bleiben! und wennSie mir nur öfters schreiben, daß Sie es sind, so hoffe ich mit Ih-nen, daß sich alles Uebrige zu unserm Vergnügen geben soll.

Den 7. Mav bin ich von Wien abgereißt, in Gesellschaft einesBuchhändlers aus Geldern, und bin mit ihm den IZtcn glücklich inHevdelberg angelangt. Das kalte nasse Wetter so wir gehabt, hat dieReise ziemlich unangenehm gemacht, besonders die Nächte. Ohne Ih-ren Fußsak wofür ich noch zu danken habe wär ich erfroren.Das will aber alles nichts sagen, gegen den Schrecken, so ich gehabt,wie ich hicher kam, und meinen Theodor im Bette mager und ab-gezehrt fand. Sein Fuß war seit sechs Wochen übler geworden, alser gewesen war. Man wartete nur auf mich, um ihn mit meiner Ge-nehmigung nach Landau zu einem dasigen berühmten ChirurguS, Na-mens Rabaton zu bringen. Dieses habe also gleich in Gesellschaftmeines Bruders gethan, und bin, Gott sey Dank! mit der tröstlichenHofnung zurück gekommen, daß der Schaden zwar langsam und schwer,aber doch heilbar sey. Der Theodor ist bey dem Mann im Hauße,der eine Haushaltung hat, und ihn also zugleich beköstiget. Für Kost,Logic, Medikamente, und Verpflegung muß ich monatlich drey I>ou!8rioul und einen großen Thaler bezahlen. Wenn er ihn nicht curirt,weiter nichts; curiret er ihn aber, so bekommt er noch ein Gratial von25 I^ouis neus. DaS wird nun freylich ein Kapital wegnehmen;denn unter einem Jahre wird er nicht davon kommen. WaS ist aberzu machen? die erste Pflicht der Eltern ist für die Gesundheit derKinder zu sorgen: Wenn er diese nur erhält, so wird er mich so vielnicht mehr kosten, denn er ist schon ein sehr brauchbarer Mensch.Seit meiner Zurückkunft von Landau, bin ich auch in Manheim ge-wesen, um die dortigen Verwandten zu besuchen, und nun sitze ichhier und darf von keiner Abreise reden, ohne daß mein Bruder mir denEinwurf macht: ich könne doch bey der Abwesenheit des Herrn Sch.nichts ausrichten; sollte ihm also den Gefallen erzeigen, bis Ende Juliehier zu bleiben. Das werde ich aber nicht thun. Die Schwägerinnaus Holland werde ich abwarten. Die ist bereits in Hanau , und kömmtin acht oder vierzehn Tagen her. Hauptsächlich werde ich mich nach