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bildet, widerlegen zu können. Ich mochte ihn, als ich mit ihm sprach,nicht erinnern, (denn ich hörte überhaupt nur zu, ohne etwas zu sa-gen)/ daß Sie sich auf geschnittene Steine hicrbey nicht einließen.Hr. Frisch (der hiesige Maler) glaubt noch außerdem/ der Stein seynicht antik.
ES versteht sich/ daß Sie von dieser Mittheilung keine,! öffentlichenGebrauch machen müssen, bis LippertS neues Tausend, wozu der Steingehört/ erscheinen wird.
Ich habe in Dresden auch die Agrippina gesehen. Hr. Wackermcvnt, ob sie zwar in der Chigischcn Sammlung ohne Kopf gestochenworden, so habe doch der Kopf können nachgcfundcn werden. Aber ichgestehe, auch mir kam eS vor/ als ob der Kopf nicht dazu gehöre;denn er schien mir um ein weniges zu klein. Zwar ich kann mich ir-ren, denn ich bin kein Antiquar, und habe zeitlebens nur nach Köpfengesehen, die zu ihren Rümpfen passen, ob es gleich darunter auchRümpfe giebt, die keine Köpfe haben.
Sonst habe ich in der so trefflichen Sammlung von Antiken inDresden allerley Gedanken über den Werth der antiquarischen Studiengehabt. Ich setze die verstümmelten Statuen und die Varianten derBibel in eine Klasse: sie sind den Gelehrten angenehm, weil sie sa-gen können, waS ihnen darüber in den Kopf kommt, um ihren Scharf-sinn zu zeigen; aber in beyden Fallen die rechte Wahrheit zu finden,mag wohl meistens beynahe gleich unmöglich seyn.
Dresden ist jetzt eine sonderbare Stadt; viele Uebcrbleibsel desLuxuS/ und Anschein von Mangel. Alle schönen Künste, besondersdie bildenden, in Flor, und manche nöthigen und nützlichen Künste inAbnahme. Ich konnte eines TagcS, Nachmittags um fünf Uhr, einenSchuh/ der mich drückte, nicht aufgeschlagen bekommen, weil die Schu-ster, die in den Vorstädten wohnen, (da sie schon zu den Zeiten dersächsischen Auguste den vielen reichen Lcurcn weichen mußten,) bereitsaus ihren Läden weg waren; aber Gemählde und Kupferstiche konnteman bis in die späte Nacht sehen und kaufen, und auch flicken lassen;denn cS giebt immer viel Geflicktes in den schönen Künsten!
Die Gegend um Dresden ist herrlich; besonders der Weg bisMeißen . Doch das wissen Sie lange.
Ich umarme Sie/ und bin stets
Ihr
ganz eigner,Nicolai.
Nachschrift. Daß Ihre Gesundheit abnimmt, nnd mit ihr Ihre