Briefe an Lessing. 177A.
von K- v. K- eine» Brief, worin er ihm meldet: Sie seyn in Rom ,würden ehstens nach Neapel gehn, und binnen sechs Wochen in Braun-schweig eintreffen. Diese Nachricht bat mich wieder in etwas ermun-tert, ob ich gleich wider meinen Willen noch öfter» daran zweifelte.Warum schreiben Sie mir denn gar nicht? Haben alle die vonrefli-chcn Sachen, die Sie gesehn, Ihre Seele so eingenommen, daß Siemich ganzlich darüber vergessen haben? Ihre letzten Worte haben Siesicherlich vergessen, wo Sie so heilig versprachen, mich durch öftereBriefe zu beruhigen. Sie wissen doch wohl, daß alles Leiden, undTrübsal, so mir zuflössen kann, durch einige Zeilen von Ihnen gemil-dert werden kann. Warum vernachlässigen Sie mich denn so ganz undgar? Vielleicht denken Sie jetzt wieder so, wie Sie schon einmal ge-dacht haben. — Wollte Gott ich könnte dann auch so denken! —
Daß ich Ihnen nicht geschrieben, hat zum Grund, daß ich nichtwußte, wohin ich Ihnen schreiben sollte, und weil Sie in Ihrem letztenBrief sagten: Wenn Sie sich länger in Italien aufhalten würden, soschrieben Sie nochmalen daher; ich möchte nur machen, daß Sie einenBrief von mir in Wien träfen. Da nun drey schon da liegen, zweybey Geblern und einer bey Herr von Lutz, so unterließ ich das wei-tere Schreiben. Zudem bin ich gleich nach meiner Ankunft krank ge-worden. Jetzt bin ich nicht krank, aber auch nicht gesund; ich binin einem Zustande, der der ärgerlichste ist, den man sich denken kann.Meine Tochter/ — das beste Mädchen von der Welt! — ist jetzt fastimmer nicht wohl. — Mein Bruder ist äußerst schwcrmüthig. Icherhalte Briefe von ihm, die mich vor Wchmuth außer mir selbst brin-gen. Er bereut, daß er den Beruf nach Leiden angenommen, undist fchon auf dem Punkt gewesen, völlig abzudanken, und sich in unserVaterland zu rctirircn. Ein Brief von mir hat ihn noch abgehalten.Aber warum unterhalte ich Sie mit so traurigen Geschichten? Warum?Weil keine freudige in meiner Seele Platz findet. Die Stunde, da ichhier ankam, hätte ich an Sie schreiben müssen; sie war eine von denfrohen, deren ich in sechs Jahren wenig genossen. Sie glich der Stnndc,wie mir Ihr Billet in Wien gebracht wurde, worin Sie mir IhreAnkunft meldeten. Por acht Tagen schrieb ich das nehmliche Blatt,welches zu zcrrcissen ich große Lust hätte, wenn ich nicht vorher wüßte,daß ich so leicht keinen Brief wieder anfinge. ES mag daher so vielabgeschmacktes Zeug darin stehen, als immer will, so soll eS bleiben,und ich verlasse mich auf Ihre Güte, daß Sie mich entschuldigen.
Seit den acht Tagen habe ich am Kopfe sehr gelitten; die Ham-burger Luft will mir gar nicht aiischlagen, und dennoch habe ich mich