Briefe an Lessing. 177K.
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scheu Vollkommenheit beyzutragen scheint, glaubt er, sey die Ursache,entweder daß die Erkenntniß des fehlenden Prädicats an dem Objecte,die Quelle künftiger RealitätS-Vorstellungen werde; oder daß andereRealitäten ohne die vorhandene Verneinung nicht lebhaft genug vorge-stellt werden können; und dies sey der Fall in den von MoscS ange-führten Eremvcln. Wie gesagt, dawider kann ich mir gar nichts den-ken, und ich wünschte wohl, wenn Du ihm antwortest, alle möglicheEinwendungen, wären sie auch etwas auf Schrauben gesetzt, von Dirihm gemacht zu sehen. Solltest Du aber auch seiner Meynung seyn,so mache ihm die Einwürfe doch.
Daß man bey der Lehre von den Empfindungen alles nur subjcc-tivisch betrachten müsse, und eS da gar nichts helfe, zu fragen, wasder Gegenstand an und für sich sey, der mir Empfindung macht,scheint mir nicht richtig, weil wir alsdann zu keinen festen Grundsätzenin den Empfindungen kommen würden. Denn gewährt der nehmlicheGegenstand einem Lust, dem andern Unlust, so kann ich ja auch nicht,ohne die Kenntniß des Gegenstandes an und für sich, ausmachen, wel-cher richtig empfunden hat. Ich glaube, in der ganzen Philosophiemuß man zwar das Objectivische und Subjcctivische allezeit unterschei-den; aber niemals trennen. Könnte die Ursache der Verschiedenheitder Empfindungen nicht in den Subjecten, sondern in einem gcwisseirUmstände des Objects gewesen seyn, das dem einen mehr aufgefallcttwäre, als dem andern? Bemühte ich mich nun nicht um eine objec-tivische Kenntniß der Sachen, so käme ich ja nie auf die wahre Kennt-niß des Objectivischen.
Doch Du sollst mir darüber nichts schreiben, weil Du nicht gernschreibst, sondern nur dem D. Herz Deine Meynung sagen. Freylichhast Du »ach Deinem letzten Briefe viel zu thun; aber muß eS dennauch gleich seyn?
Karl.
Liebster Freund,
Herr Lciscwitz hat mir Ihren Brief vom IKten übergeben; abervon Rechtswegen hätte er mir auch den <?->miII<, LMi übergebensollen, und noch bitte ich Sie, liebster Freund, mir dieses Buch mitder ersten fahrenden Post zuzusenden.
Sie sagen, eS sind Fratzen? Desto besser, antworte ich, und nochbesser, wenn ein wenig Aberglauben dabey wäre; denn Sie wissen ja,wie Sie mir den Nutzen desselben demonstrirt haben!