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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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559
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Briefe an Lessing . 1776,

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ist zwar von mir noch nicht sehr hcrumqcführt worden, weil ich micheinige Tage in Potödam aufhalten müssen; allein er hat mir gesterngesagt, daß er noch einige Zeit hier bleibt, und dann will ich ihn schonbesser genießen.

Sein Julius von Tarent ist hier bey immer ziemlich vollem Thea-tcr viermal aufgeführt worden. Gelesen habe ich dieses Trauerspielnicht, weil ich mir das Sehen nicht verleiden wollte. Sehr viel Gu-tes und Schönes ist darin; nur scheint mir die Sprache zuweilen mehrpoetisch, als dem Sujet angemessen, und die Charaktere etwas unbe-stimmt. Auch steht manchmal die Handlung still; manchmal läuft sie,und stürzt sich gleichsam über einander. ES bleibt aber doch ein sehrgutes Stück, und mir ist seit mehreren Jahren kein besseres vorge-kommen. Wie man mit der Aufführung zufrieden seyn kann, magHerr Leisewitz selbst sagen.

Deine Kiste scheint verloren zu seyn, denn der junge Voß hatzwcymal darum geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Es ist ver-drießlich genug. Entweder hätte Herr G** sie nicht annelmicn, odersie doch ordentlich besorgen sollen. Daß er krank gewesen, entschuldigtihn wahrhastig nicht. Voß erwartet alle Tage seinen Ballen aus Ham-burg , wo er laut Aviso schon eingegangen; und so bald er hier ist,sollst Du auch das Deinige davon erhalten.

Liebster Bruder, die erwähnte Stelle in der Vorrede zu Jerusa-lems Aufsätzen glaube ich wohl nicht ganz mißverstanden zu haben.Aber eigentlich ist mir die Stelle gar nicht wegen des Sinnes, dereine ungczwcifcltc Wahrheit bleibt, aufgefallen, sondern wegen desAusdrucks.Die Versäumniß dieses Studiums wird sich an dem Co-loristen rächen." Sollte cS nicht heißen: Der Colorist wird wegender Versäumniß schon gerächt werden? Warum sollte sich die Versäum-niß an dem Künstler rächen? Darüber wünschte ich Deine Mevnung.

Meine Meynung über die neue Arria ließ ich nicht drucken, umLenzen oder einen andern Göthianer zu bekehren, oder gar mit ihnenanzubinden, sondern nur, um das Recht der Andersgesinnten nichtverjähren zu lassen. Brause» und Gähren hören von selbst auf. Siewollen freylich nicht anders. Soll man aber dieserwcgcn ihre Jugend-posscn unbemerkt lassen? Oder meynst Du, daß ihre theatralische Ma-nier, wenn ich es so nennen darf, bald eben so ekelhaft werden wird,als die Schauspiele nach dem gewöhnlichen Französischen Leisten?

Lebe wohl, liebster Bruder, und schreibe mir bald gewiß, daß Dnin Ruhe bist. Eher bin ich es auch nicht!

Karl.

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