Briefe an Lcssing. 177K.
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4) Wenn der Hof nicht beständig in Manhcim, sondern im Som-mer auf einem Lustschlosse ist, wohin die Schauspielergesellschaftvermuthlich folgen muß, sreycS Quartier.
Er hat mir zugleich von einer Madame Franken gesagt, die ge-genwärtig in Prag alle ersten zärtlichen Liebhaberinnen und naiven Rol-len spielt. Nach seinem Urtheile ist sie eine der besten Actricen. Selbsthabe ich sie nie gesehen: aber alle, die ich aus Prag gesprochen, habenmir ihr Talent gerühmt; und ich besinne mich auch, in den theatralj.sehen Wochenblättern sie gelobt gefunden zu haben. Auch diese ist zuhaben, wenn man ihr wöchentlich drey Ducaten, 2ao Thaler Vorschuß,und Reisegeld von Prag aus zugesteht. Eine Schwester von ihr obendrein, welche kleine Rollen macht und flgurirt: sür einen Ducaten,keinen Vorschuß, aber Reisegeld.
Nun schlage ich Dir, liebster Bruder, auch einen Menschen vor,der zwar schon auf dem Theater gewesen ist (er hat nehmlich andert-halb Jahr bcv der Wildschen Truppe, die in Sachsen herumzieht, Kö-nige und Bedienten, tragisch und komisch gespielt), im Grunde aberwenig kann. Er hat mir zur Probe den Just in der Minna machenmüssen; und ich glaube, daß er den Ulfo im Kanut, den er mir auchvormachen wollte, auf eben die Art darstellt. Doch er ist wohlgebildct,hat eine gute Aussprache, Lust zu lernen, und verlangt nur wenig,nehmlich nur so viel, daß er nothdürftig leben kann. Er ist eigentlichein Jude, wird aber, ohne öffentlich seine Religion vcrlaua.net zu ha-ben, schon seit drcv Jahren sür einen erleuchteten Christen gehalten.Er trägt Haarbeutel, versteht vom Jüdischdcutschen und Hebräischeneben so viel, wie ich, und mag in seiner lustigen Laune (denn er istvon Profession ein der Arzncnkunst Beflissener) manchem ehrlichen bär-tigen Hebräer „Mauschel" zugerufen haben. Ich schmeichle mir, Duwirst diese Eröffnung so gebrauchen, daß sie ihm bey seinem Engage-ment nicht nachtheilig ist. Wenn Du ihn mit anbringst, so thust Duein Werk der Barmherzigkeit, und schaffst vielleicht dem Theater mitder Zeit einen guten Mann. Deinen Entschluß darüber, liebster Bru-der, erbitte ich mir bald. Hier hat sich der Schauspieler Müller ausWien, den, wie er mir sagte, der Kaiser reisen läßt, einige Wochenaufgehalten, und unter der Hand auch Leute zu cngagircn gesucht.Wie es heißt, wird er wiederkommen, und darum möchten die Vorge-schlagenen gern bald bestimmte Antwort haben.
Hast Du nun Deine Kiste mit Büchern? Man hat mir nichtsdavon gesagt, als man sie abgeschickt, und daher wirst Du die Komö-dien des Fagiuoli vermißt haben, die ich zu mir genommen. Unge-
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