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Briefe an Lcssing. 1777.
Liebster Bruder,
Ich bin allerdings in Breslau gewesen, und schon seit vierzehnTagen von dieser Reise zurück, ohne Dir geschrieben zu haben. DieSchuld liegt daran, daß sich mir vor acht Tagen eine Gelegenheitzeigte, Dich gar besuchen zu können, welche aber nun vier Wochen ver-schoben ist. MoscS muß nehmlich nach Hannover , und will unterwe-geS bey Dir einsprechen. Falls ich Urlaub erhalte, und meine Fraumit könnte, wäre die Freude vollkommen. Davon aber wollte undsollte ich Dir eigentlich nichts schreiben. Allein Dein Brief vom20stcn September, welcher mir außerordentlich angenehm ist, und denich erst heute Abends erhielt, macht mich so schwatzhaft.
Dein lieber Stiefsohn wird uns recht willkommen sey». So vielich kann, will ich ihm hier den Aufenthalt angenehm und nützlich zumachen suchen. Begnügt er sich mit einem Siübchen, so laß ihn beymir wohnen. Hat er ja Besuche, die er nicht in unserer Gegenwartannehmen kann, so steht ihm daS anstoßende Zimmer zu Dienst.
Die Opernzeit geht gewöhnlich gegen den 20stcn December an.Wie wäre es, da ich Dich gewiß in vier Wochen zu sehen denke, wennich Deinen Sohn mitnähme? Unser Freund MoscS reist, so viel ermir gesagt hat, mit seiner Frau und in einem vicrsitzigen Wagen. Al-lein wenn Du ihn etwa mit Deiner Frau selbst herbringen willst, somußt Du deshalb Deinen Vorsatz nicht ändern.
Von meiner Reise nach BreSlau muß ich Dir doch auch etwassagen. Daß cS mir da gefallen hat, ist natürlich. ES gab für michmanche neue Gegenstände: so viele katholische Kirchen, die mir gegendie Berlinischen (denn womit will ich ungereister Mensch sonst Ver-gleichungen anstellen?) reich, schön und prächtig waren. Stadt, Ge-gend und Menschen zogen meine Aufmerksamkeit an sich. DaS Jesui-ter-Gebäude würde im Ganzen genommen an Umfang und großemGeschmack dem hiesigen Schlosse wahrhastig wenig nachgeben, wenn eSausgebauet und vollendet wäre. Freylich ist eS nur das einzige großeGebäude! Einige schöne Klöster ausgenommen, sind die übrigen Häu-ser von schlechtem Geschmack und alt. Der Hazfcldische Pallast und daSGraf Schlabberndorffsche HauS sind neu und schön. In den meistenalten braucht man eine Laterne, um sich bev Hellem Tage die Treppehinauf zu finden. Die Aula Leovoldina und die Jesuiter-Kirche sindvortrefflich gemalt; nur ist alles zu voll und bunt. Was für herrlicheKapellen und Monumente habe ich nicht in dem Dom gesehen. BeyKorn soll auf Ostern eine Beschreibung von Breslau herauskommen,