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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
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596
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Briefe an Lessiiig. 1777.

entfernt seyn kannst, so mußt Du in der Gegend der Bibliothek eineWohnung nehmen. Gott Lob! ich wohne da herum, und werde künf-tig keinen Urlaub brauchen/ Dich besuchen zu dürfen. Warum solltedies Gerücht nicht wahr seyn? Vielleicht macht mich der König gar zurMittelsperson dabey. Geld kann man immer münzen, wenn man nurGold und Silber hat; aber eine Wolfenbüttelschc Bibliothek kauft mannicht immer, wenn man Geld hat. Ich sage Dir, cS kann kein Mähr-chen seyn. Der König kauft ja Bücher, um seine Bibliothek berühmtzu machen. Warum sollte er nicht, wenn er kann, gleich eine ganzeberühmte Bibliothek kaufen? Ich kann zwanzig Ursachen anführen,warum; und wenn Du sie alle verwirfst, so mußt Du doch die Eine,welche ökonomisch politisch ist, gelten lassen. Nehmlich: Du hast vomKurfürsten von der Pfalz eine Pension -> 5m Thaler, macht ein Ka-pital von to,noo Thaler. Du schreibst des Jahrs vier Komödien, undschickst sie nach Wien ; diese bringen, ich will das geringste rechnen,Stück .100 Thaler: Faclt 20lX) Thaler. Das ist ein Kapital von/>c),ooo Thaler. Du schreibst überdies gegen die Theologen, und läßtcZ hier verlegen. WaS Du dabey gewinnst, es sey so wenig als eS wolle,genug Du laßt doch in Berlin verlegen; das kann schon die Interessenvon hunderttausend Thalern betragen. Denn dem König ist cS einer-ley, ob cS sein Unterthan der Buchhändler oder der Autor ist, der reichwird, und mehr verzehrt; genug, er hat ein Schaf mehr, daS Wolleträgt. Folglich kommt mit Dir ein Kapital von ein paarmal hundert-tausend NcichSthalern wenigstens, ins Land. Vor der Hand will ichfür Deine Familie gar nichts anrechnen, auch nichts für Deine Kinder,die Du'noch bekommen wirst, weil sie in Berlin nicht gezwungen sind,Pfeiler des Staats zu werden. Ich weiß gewiß, daß wer eine Millionins Land bringt, oder die Interessen davon verzehrt, eine Besoldungvon 24,oao Thaler hat. Nach dem was Du mitbringst, bekömmst Dueine Besoldung von 2-wo Thaler, und als Bibliothekar könntest Du nichtweniger bekommen, als Du jcht hast; folglich würdest Du hier rechtgut leben können. Zu Deinen Mobilicn crhälst Du einen Aecise- Zoll-und andern Abgaben freyen Paß; und da Du einmal die Beschwerlich-keiten des EinpackenS hast, so würde ich Dir einige Waaren commiltiren, die mit dieser Gelegenheit hereinkämen. Denn daß ich dem Staateso wuchernde Projccte erfinden und ausführen sollte, ohne allen zeitli-chen Vortheil, wird man mir nicht zumutben. Ich bin kein Undank-barer, das sollen die Bcguckcr schon sehen; und lieber Bruder, meinProject ist zwar nicht das sinnreichste, aber auch nicht das unthun-lichste.