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Gotthold Ephraim Lessings sämmtliche Schriften
Entstehung
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Berichtigungen und Zusätze

Häßlichkeit und Beschäftigungen haben mir eine Zeitlang nur sehr we-nig freye Augenblicke gclaßen, und ich befinde mich auch noch itztweder wohl noch müßig genug/ meiner Schuldigkeit anders, als nurin der möglichsten Eil, ein Genüge zu leisten.

Ich hoffe, daß meine werthesten Eltern von mir überzeugt sind,wie ich nichts eifriger als das Wohlergehen meiner Geschwister wünsche.Ich will mit Vergnügen alles mit ihnen theilen, was ich habe, undso lange ich etwas habe. Nur weiter kann ich mich nicht cinlaßen.Ich bin weder im Stande ihnen zu ihrem Fortkommen einigen Rathzu ertheilen, noch an ihrer Versorgung und ihrem Unterkommen zuarbeiten. Noch weniger kann ich, in den itzigcn Umständen, einen vonihnen zu mir nehmen. So ungern ich selbst jederzeit von andernLeuten sogenannten guten Rath angenommen habe; so zurückhaltendbin ich mit meinem eigenen, und ich will lieber jedem, der cS bedarf,meinen letzten Groschen geben, als ihm sagen: thue das, thue jenes.Wer seine Jahre hat, muß selbst wißcn, was er thun kann, was erthun muß; und wer erst hören will, was andre Leute zu seiucn An-schlägen sagen, der hat blos Lust, Zeit zu gewinnen, und indeß anderezu faßen. So scheint cS auch mit Gottlobcn gewesen zu seyn. Washätte cS gcholffen, wenn ick) gleich auf den vorhergehenden Brief meineMeinung über seine Rußische Reise gesagt hätte? Indem meine Mei-nung unter WegcnS gewesen wäre, hatte er sich schon anders besonnen. Ichwill damit nicht sagen, daß cS nicht eben so gut sey, daß er sich an-ders besonnen, sondern bloß, daß mein guter Rath entweder übcrflüßigoder vergebens gewesen wäre. ES ist wahr, ich habe ihm versprochen,wenn mir hier eine Gelegenheit für ihn aufstoßcn sollte, seiner einge-denk zu seyn. Aber ihn so lange zu mir zu nehmen5 bis sich eine der-gleichen Gelegenheit finden möchte, habe ich ihm nicht versprochen.ES geht auch gar nicht an. Erstlich erfordern sowohl meine ihigenGeschäfte, als mein Studieren, daß ich nothwendig allein seyn muß.ZweytcnS betrachten mich meine werthesten Acltcrn, als ob ich schonhier in Vreslau ctablirt wäre; und dieses bin ich doch so wenig, daßich gar leicht meine längste Zeit hier gewesen seyn dürfte. Ich wartenur noch einen einzigen Umstand ab, und wo dieser nicht nach meinemWollen ausfällt, so kehre ich zu meiner alten Lebens Art wieder zurück.Ich hoffe ohnedem nicht, daß Sie mir zutrauen werden, als hätte ichmein Studieren am Nagel gehangen, und wolle mich bloß elendenBeschäftigungen ilv p-me juei.inclc, widmen. Ich habe mit diesenNichtswürdigkeiten nun schon mehr als drey Jahr verloren. ES istZeit, daß ich wieder in mein Gleiß komme. Alles was ich durch