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Ueber die Grenzen der Mahlerey und Poesie. 447
Diese zweyte Art der Nachahmung aber, die für den Dichterso verkleinertet) ist, warum ist sie es nicht mich für den Künstler?Wenn vor dem Homer eine solche Folge von Gemählden, alsder Graf Caylns aus ihm angicbt, vorhanden gewesen wäre,und wir wüßten, daß der Dichter aus diesen Gemählden seinWerk genommen hätte: würde er nicht von unserer Bewunde-rung unendlich verlieren? Wie kömmt es, daß wir dem Künst-ler nichts von unserer Hochachtung entziehen, wenn er schonweiter nichts thut, als daß er die Worte des Dichters mit Fi-guren und Farben ausdrücket?
Die Ursach scheinet diese zu seyn. Bey dem Artisten dünketuns die Ausführung schwerer, als die Erfindung; bey dem Dich-ter hingegen ist es umgekehrt, und seine Ausführung dünket unsgegen die Erfindung das Leichtere. Hätte Virgil die Verstrickungdes Laokoon und seiner Kinder von der Gruppe genommen, sowürde ihm das Verdienst, welches wir bey diesem seinem Bildefür das schwerere und größere halten, fehlen, und nur das ge-ringere übrig bleiben. Denn diese Verstrickung in der Einbil-dungskraft erst schaffen, ist weit wichtiger, als sie in Wortenausdrücken. Hätte hingegen der Künstler diese Verstrickung vondem Dichter entlehnet, so würde er in unsern Gedanken dochnoch immer Verdienst genug behalten, ob ihm schon das Verdienstder Erfindung abgehet. Denn der Ausdruck in Marmor ist un-endlich schwerer als der Ausdruck in Worten; und wenn wirErfindung und Darstellung gegen einander abwägen, so sindwir jederzeit geneigt, dem Meister an der einen so viel wiederumzu erlassen, als wir an der andern zu viel erhalten zu haben meinen.
Es giebt sogar Fälle, wo es für den Künstler ein größeresVerdienst ist, die Natur durch das Medium der Nachahmungdes Dichters nachgeahmet zu haben, als ohne dasselbe. DerMahler, der nach der Beschreibung eines Thomsons eine schöneLandschaft darstellet, hat mehr gethan, als der sie gerade vonder Natur copirct. Dieser siehet sein Urbild vor sich; jener mußerst seine Einbildungskraft so anstrengen, bis er es vor sich znsehen glaubet. Dieser macht aus lebhaften sinnlichen Eindrückenetwas Schönes; jener aus schwanken und schwachen Vorstellun-gen willkührlichcr Zeichen.