Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
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Hauiburgische Dramaturgie.

Nun leben wir zu einer Zeit, in welcher die Stimme der ge-sunden Vernunft zu laut erschallet, als daß jeder Rasender,der sich muthwillig, ohne alle Noth, mit Verachtung aller sei-ner bürgerlichen Obliegenheiten, in den Tod stürzet, den Titeleines Märtyrers sich anmaßen dürfte. Wir wissen itzt zu wohl,die falschen Märtyrer von den wahren zu unterscheiden; wirverachten jene eben so sehr, als wir diese verehren, und höch-stens können sie uns eine melancholische Thräne über die Blind-heit und den Unsinn auspressen, deren wir die Menschheit über-haupt in ihnen fähig erblicken. Doch diese Thräne ist keinevon den angenehmen, die das Trauerspiel erregen will. Wenndaher der Dichter einen Märtyrer zu seinem Helden wählet:daß er ihm ja die lautersten und triftigsten Bewcgungsgründegebe! daß er ihn ja in die unumgängliche Nothwendigkeit setze,den Schritt zu thun, durch den er sich der Gefahr blos stellet!daß er ihn ja den Tod nicht freventlich suchen, nicht höhnischertrotzen lasse! Sonst wird uns sein frommer Held zum Abscheu,und die Religion selbst, die er ehren wollte, kann darunterleiden. Ich habe schon berühret, daß es nur ein eben so nichts-würdigcr Aberglaube seyn konnte, als wir in dem Zauberer Ismenverachten, welcher den Olint antrich, das Bild aus der Mo-schee wieder zu entwenden. Es entschuldiget den Dichter nicht,daß es Zeiten gegeben, wo ein solcher Aberglaube allgemeinwar, und bey vielen guten Eigenschaften bestehen konnte; daßcS noch Länder giebt, wo er der frommen Einfalt nichts be-fremdendes haben würde. Denn er schrieb sein Trauerspiel ebenso wenig für jene Zeiten, als er es bestimmte, in Böhmen oder Spanien gespielt zu werden. Der gute Schriftsteller, ersey von welcher Gattung er wolle, wenn er nicht blos schreibet,seinen Witz, seine Gelehrsamkeit zu zeigen, hat immer die Er-lcuchtcstcn und Besten seiner Zeit und seines Landes in Augen,und nur was diesen gefallen, was diese rühren kann, würdigeter zu schreiben. Selbst der dramatische, wenn er sich zu demPöbel herabläßt, läßt sich nur darum zu ihm herab, um ihnzu erleuchten und zu bessern; nicht aber ihn in seinen Vorur-thcilcn, ihn in seiner unedel» Dcnkungsart zu bestärken.