Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
9
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erster Band.

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Zweytes Stück.Den 6ten May, 1767.Noch eine Anmerkung, gleichfalls das christliche Trauerspielbetreffend, würde über die Bekehrung der Clorinde zu wachenseyn. So überzeugt wir auch immer von den unmittelbarenWirkungen der Gnade seyn mögen, so wenig können sie unsdoch auf dem Theater gefallen, wo alles, waS zu dem Charak-ter der Personen gehöret, aus den natürlichsten Ursachen ent-springen muß. Wunder dulden wir da nur in der physikalischenWelt; in der moralischen muß alles seinen ordentlichen Laufbehalten, weil das Theater die Schule der moralischen Weltseyn soll. Die Bcwegungsgründe zu jedem Entschlüsse, zu je-der Aenderung der geringsten Gedanken und Meynungen, müs-sen, nach Maaßgebung des einmal angenommenen Charakters,genau gegen einander abgewogen seyn, und jene müssen niemehr hervorbringen, als sie nach der strengsten Wahrheit her-vor bringen können. Der Dichter kann die Kunst besitzen, uns,durch Schönheiten des Detail, über Mißverhältnisse dieser Artzu täuschen; aber er täuscht uns nur einmal, und sobald wirwieder kalt werden, nehmen wir den Beyfall, den er uns ab-gelauschet hat, zurück. Dieses auf die vierte Scene des drittenAkts angewendet, wird man finden, daß die Reden und dasBetragen der Sophronia die Clorinde zwar zum Mitleiden hättebewegen können, aber viel zu unvermögend sind, Bekehrung aneiner Person zu wirken, die gar keine Anlage zum Enthusias-mus hat. Beym Tasso nimmt Clorindc auch das Christenthuman; aber in ihrer letzten Stunde; aber erst, nachdem sie kurzzuvor erfahren, daß ihre Acltern diesem Glauben zugethan ge-wesen: feine, erhebliche Umstände, durch welche die Wirkungeiner höhcrn Macht in die Reihe uatürlichcr Begebenheitengleichsam mit cingcsiochtcn wird. Niemand hat es besser ver-standen, wie weit man in diesem Stücke auf dem Theater ge-hen dürfe, als Boltairc. Nachdem die empfindliche, edle Seeledes Zamor, durch Beyspiel und Bitten, durch Großmuth undErmahnungen bestürmet, lind bis. in das Innerste erschüttertworden, läßt er ihn doch die Wahrheit der Religion, an deren