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Haniburgische Drain.ilnrgie.
dcrn unmittelbare Eingebungen der gegenwärtigen Lage derSachen scheinen.
Eben so ausgemacht ist es, daß kein falscher Accent unsmuß argwöhnen lassen, der Akteur plaudere, was er nicht ver-stehe. Er muß uns durch den richtigsten, sichersten Ton über-zeuge,:, daß er den ganzen Sinn seiner Worte durchdrungen habe.
Aber die richtige Acccntuation ist zur Noth auch einem Pa-pagei, beyzubringen. Wie weit ist der Akteur, der eine Stellenur versteht, noch von dem entfernt, der sie auch zugleich em-pfindet! Worte, deren Sinn man einmal gefaßt, die man sicheinmal ins Gedächtniß gcpräget hat, lassen sich sehr richtig her-sagen, auch indem sich die Seele mit ganz andern Dingen be-schäftiget; aber alsdann ist keine Empfindung möglich. DieSeele muß ganz gegenwärtig seyn; sie muß ihre Aufmerksamkeiteinzig und allein auf ihre Reden richten, und nur alsdann —
Aber auch alsdann kann der Akteur wirklich viel Empfindunghaben, und doch keine zu haben scheinen. Die Empfindung istüberhaupt immer das streitigste unter den Talenten eines Schau-spielers. Sie kann seyn, wo man sie nicht erkennet; und mankann sie zu erkennen glauben, wo sie nicht ist. Denn dieEmpfindung ist etwas Inneres, von dem wir nur nach seinenäußern Merkmalen urtheilen können. Nun ist es möglich, daßgewisse Dinge in dem Baue des Körpers diese Merkmale ent-weder gar nicht verstatten, oder doch schwächen und zweideutigmachen. Der Akteur kann eine gewisse Bildung des Gesichts,gewisse Minen, einen gewissen Ton haben, mit denen wir ganzandere Fähigkeiten, ganz andere Leidenschaften, ganz andereGesinnungen zu verbinden gewohnt sind, als er gegenwärtigäußern und ausdrücken soll. Ist dieses, so mag er noch so vielempfinden, wir glauben ihm nicht: denn er ist mit sich selbstim Widersprüche. Gegentheils kann ein anderer so glücklich gc-bauct seyn; er kann so entscheidende Züge besitzen; alle seineMuskeln können ihm so leicht, so geschwind zu Gebothe stehen;er kann so feine, so vielfältige Abänderungen der Stimme inseiner Gewalt haben; kurz, er kann mit allen zur Pantomimeerforderlichen Gaben in einem so hohen Grade beglückt seyn,daß er uns in denjenigen Rollen, die er nicht ursprünglich,