102
Hamburgische Dramaturgie.
Es gehört mit iintcr die Schwachheiten des Herrn von Vol-taire , daß er ein sehr profunder Hislorikus seyn will. Er schwangsich also auch bey dem Esser auf dieses sein Strcitroß, lind tum-melte es gewaltig herum. Schade nur, daß alle die Thaten, dieer darauf verrichtet, des Staubes nicht werth sind, den er erregt.
Thomas Corneille hat ihm von der englischen Geschichte nurwenig gewußt; und zum Glücke für den Dichter, war das da-malige Publikum noch unwissender. Jtzt, sagt er, kennen wirdie Königinn Elisabeth und den Grafen Essex besser; ihr wür-den einem Dichter dergleichen grobe Vcrstoßungen wider die hi-storische Wahrheit scharfer aufgemutzet werden.
Und welches sind denn diese Verstoßungcn? Voltaire hatausgerechnet, daß die Königinn damals, als sie dem Grafen den Proceß machen ließ, acht und sechzig Zahr alt war. Eswäre also lächerlich, sagt er, wenn man sich einbilden wollte,daß die Liebe den geringsten Antheil an dieser Begebenheit könnegehabt haben. Warum das? Geschieht nichts Lächerliches inder Welt? Sich etwas Lächerliches als geschehen denken, istdas so lächerlich? „Nachdem das Urtheil über den Essex abgege-ben war, sagt Hume , fand sich die Königinn in der äußerstenUnruhe und in der grausamsten Ungewißheit. Rache und Zu-neigung, Stolz und Mitleiden, Sorge für ihre eigene Sicherheitund Bckümmerniß um das Leben ihres Lieblings, stritten un-aufhörlich in ihr: und vielleicht, daß sie in diesem quälendenZustande mehr zu beklagen war, als Esser selbst. Sie unter-zeichnete und wicdcrruftc den Befehl zu seiner Hinrichtung ein-mal über das andere; itzt war sie fast entschlossen, ihn demTode zu überliefern; den Augenblick darauf erwachte ihre Zärt-lichkeit aufs neue, und er sollte leben. Die Feinde des Grafenließen sie nicht aus den Augen; sie stellten ihr vor, daß er selbstden Tod wünsche, daß er selbst erkläret habe, wie sie doch an-ders keine Ruhe vor ihm haben würde. Wahrscheinlicher Weisethat diese Aeußerung von Reue und Achtung für die Sicherheitder Königinn, die der Graf sonach lieber durch seinen Tod be-festigen wollte, eine ganz andere Wirkung, als sich seine Feindedavon versprochen hatten. Sie sachte das Feuer einer altenLeidenschaft, die sie so lange für den unglücklichen Gefangnen