Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
101
Einzelbild herunterladen
 

erster Band.

101

das Todcsurthcil gesprochen worden, gewünscht, die Königinnum Vergebung zn bitten, und zwar auf die Art, die ZhroMajestät ihm ehemals selbst vorgeschrieben. Er habe ihr nehm-lich den Ring zuschicken wollen, den sie ihm, zur Zeit der Huld,mit der Versicherung geschenkt, daß, wenn er ihr denselben,bey einem etwanigcn Unglücke, als ein Zeichen senden würde,er sich ihrer völligen Gnaden wiederum versichert halten sollte.Lady Scroop sey die Person, durch welche er ihn habe über-senden wollen; durch ein Versehen aber sey er, nicht in derLady Scroop, sondern in ihre Hände gerathen. Sie habe ih-rem Gemahl die Sache crzchlt, (er war einer von den unver-söhnlichsten Feinden des Esser,) und der habe ihr verbothen, denRing weder der Königinn zu gebe», noch dem Grafen zurückzu senden. Wie die Gräfinn der Königinn ihr Geheimnißentdeckt halte, bath sie dieselbe um Vergebung; allein Elisabeth,die nunmehr sowohl die Bosheit der Feinde des Grafen, alsihre eigene Ungerechtigkeit einsaht, daß sie ihn im Verdachteines unbändigen Eigensinnes gehabt, antwortete: Gott magEuch vergeben; ich kann es nimmermehr! Sie verließ das Zim-mer in großer Entsetzung, und von dem Augenblicke an sankenihre Lebensgeister gänzlich. Sie nahm weder Speise noch Trankzu sich; sie verweigerte sich allen Arzeneyen; sie kam in keinBette; sie blieb zehn Tage nnd zehn Nächte auf einem Polster,ohne ein Wort zu sprechen, in Gedanken sitzen; einen Fingerim Munde, mit offenen, auf die Erde geschlagenen Augen; bissie endlich, von innerlicher Angst der Seelen und von so langemFasten ganz entkräftet, den Geist aufgab."

Drey und zwanzigstes Stück.

Tcii 17tcn Julius, 1707.

Der Herr von Voltaire hat den Esser auf eine sonderbareWeise kritisirt. Ich mochte nicht gegen ihn behaupten, daßEsser ein vorzüglich gutes Stück sey; aber das ist leicht zu er-weisen, daß viele von den Fehlern, die er daran tadelt, Theilssich nicht darinn finden, Theils unerhebliche Kleinigkeiten sind,die seiner Scits eben nicht den richtigsten nnd würdigsten Be-griff von der Tragödie voraussetzen.