erster Band.
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„Mit einem Worte: keine einzige Rolle dieses Trauerspielsist, was sie seyn sollte; alle sind verfehlt; und glcichwobl hates gefallen. Woher dieses Gefallen? Offenbar ans der Situa-tion der Personen, die für sich selbst rührend ist. — Ein gro-ßer Mann, den man auf das Schaffet führet, wird immerintcrcßircn; die Vorstellung seines Schicksals macht, auch ohnealle Hülfe der Poesie, Eindruck; ungefehr eben den Eindruck,den die Wirklichkeit selbst machen würde."
So viel liegt für den tragischen Dichter an der Wahl desStoffes. Durch diese allein, können die schwächsten vcrwirr-tcstcn Stücke eine Art von Glück machen; und ich weiß nicht,wie es kömmt, daß es immer solche Stücke sind, in welchensich gute Akteurs am vorthcilhaftcstcn zeigen. Selten wird einMeisterstück so meisterhaft vorgestellt, als es geschrieben ist; dasMittelmäßige fährt mit ihnen immer besser. Vielleicht, weil siein dem Mittelmäßigen mcbr von dem Ihrigen hinzuthun können;vielleicht, weil uns das Mittelmäßige mehr Zeit und Ruhe läßt,auf ihr Spiel aufmerksam zu seyn; vielleicht, weil in dem Mit-telmäßigen alles nur auf einer oder zwey hervorstechenden Per-sonen beruhet, anstatt, daß in einem vollkommcncrn Stücke öf-ters eine jede Person ein Hauptaktcur seyn müßte, und wennsie es nickt ist, indem sie ihre Rolle verhunzt, zugleich auch dieübrigen verderben hilft.
Beym Esser können alle diese und mehrere Ursachen zusam-men kommen. Weder der Graf noch die Königinn sind vondem Dichter mit der Stärke geschildert, daß sie durch die Aktionnicht noch weit stärker werden könnten. Esser spricht so stolznicht, daß ihn der Schauspieler nicht in jeder Stellung, in jederGcbchrdc, in jeder Mine, noch stolzer zeigen könnte. Es istsogar dem Stolze wesentlich, daß er sich weniger dnrch Worte,als durch das übrige Betragen, äußert. Seine Worte sind öf-ters bescheiden, und es läßt sich nur sehen, nicht hören, daßes eine stolze Bescheidenheit ist. Diese Rolle muß also noth-wendig in der Vorstellung gewinnen. Auch die Nebenrollen kön-nen keinen Übeln Einfluß auf ihn haben; je subalterner Eccilund Salisbury gespielt werden, desto mehr ragt Esser hervor.Zch darf es also nicht erst lange sagen, wie vortrefflich ein Eck-