Zweyter B.ind.
253
nach sich ziehen müsse, in die Gedanken geschossen, und ibn mitErwartung und Furcht erfüllet? Gleichwohl soll ein Vorfall,der alle diese Wirkung auf ihn hat, nicht tragisch seyn?
Wenn jemals bey dieser Ohrfeige gelacht worden, so wares sicherlich von einem aus der Gallcric, der mit den Ohrfeigenzu bekannt war, und eben ihr eine von seinem Nachbar verdienthätte. Wen aber die ungeschickte Art, mit der sich der Schau-spieler etwa dabey betrug, wider Willen zu lächeln machte, derbiß sich geschwind in die Lippe, und eilte, sich wieder in dieTäuschung zu versetzen, aus der fast jede gewaltsamere Handlungden Zuschauer mehr oder weniger zu bringen pflegt.
Auch frage ich, welche andere Beleidigung wohl die Stelleder Ohrfeige vertreten könnte? Für jede andere würde es inder Macht des Königs stehen, dem Beleidigten Genugthuungzu schaffen; für jede andere würde sich der Sohn weigern dür-fen, seinem Vater den Vater seiner Geliebten aufzuopfern. Fürdiese einzige läßt das puiillonor weder Entschuldigung noch Ab-bitte gelten; und alle gütliche Wege, die selbst der Monarchdabey einleiten will, sind fruchtlos. Corneille ließ nach dieserDcnkungsart den Gormas, wenn ihm der König andeuten läßt,den Diego zufrieden zu stellen, sehr wohl antworten:
<ües tatisiaetions n'linnaitsont, ^>oint une nme:
les iv^oit r>'a i'ien, c^ui les iait te olilame.I5t 6v tous ees aecoi'u8 I'eil'ol lo plus cominuri,<?ekt llo lieslionoi'er uenx Iwinmos au lien u'iiri .Damals war in Frankreich das Edict wider die Duelle nichtlange ergangen, dem dergleichen Maximen schnurstracks zuwiderliefen. Corneille erhielt also zwar Befehl, die ganzen Zeilenwegzulassen; und sie wurden aus dem Munde der Schauspielerverbannt. Aber jeder Zuschauer ergänzte sie aus dem Gedächt-nisse, und aus seiner Empfindung.
Zn dem Esscx wird die Ohrfeige dadurch noch kritischer, daßsie eine Person giebt, welche die Gesetze der Ehre nicht verbin-den. Sie ist Frau und Königinn: was kann der Beleidigtemit ihr anfangen? Ueber die handfertige wehrhafte Frau würdeer spotten; denn eine Frau kann weder schimpfen, noch schlagen.Aber diese Frau ist zugleich der Souverain, dessen Bcschimpfun-