Zweyter Band.
„kann diese Erscheinung werden! Man andre nur in dem be-dauerten Unglück die einzige Bestimmung der Zeit: so wird„sich das Mitleiden durch ganz andere Kennzeichen zu erkennen„geben. Mit der Elcktra, die über die Urne ihres Bruders„weinet, empfinden wir ein mitleidiges Trauern, denn sie hält„das Unglück für geschehet,, und bejammert ihren gehabten Ver-lust. Was wir bey den Schmerzen des Philoktcts fühlen, ist„gleichfalls Mitleiden, aber von einer etwas andern Natur,„denn die O-naal, die dieser Tugendhafte auszustehen hat, ist ge-genwärtig, und überfällt ihn vor unsern Augen. Wenn aber„Ocoip sich entsetzt, indem das große Geheimniß sich plötzlich„entwickelt; wenn Monimc erschrickt, als sie den eifersüchtigen„Mithridatcs sich entfärben sieht; wenn die tugendhafte Dcsoe-„mona sich fürchtet, da sie ihren sonst zärtlichen Othello so dro-„hcnd mit ihr reden höret: was empfinden wir da? Zmmcr„noch Mitleiden! Aber mitleidiges Entsetzen, mitleidige Furcht,„mitleidiges Schrecken, Die Bewegungen sind verschieden, al-„lcin das Wesen der Empfindungen ist in allen diesen Fällen„einerley. Denn, da jede Liebe mit der Bereitwilligkeit vcrbun-„dcn ist, uns an die Stelle des Geliebten zu setzen: so müssen„wir alle Arten von Leiden mit der geliebten Person theilen,„welches man sehr nachdrücklich Mitleiden nennet. Warum„sollten also nicht auch Furcht, Schrecken, Zorn, Eifersucht,„Rachbcgicr, und überhaupt alle Arten von unangenehmen„Empfindungen, sogar den Neid nicht ausgenommen, aus Mit-leiden entstehen können? — Man sieht hieraus, wie gar un-„geschickt der größte Theil der Kunstrichtcr die tragischen Lei-denschaften in Schrecken uud Mitleiden eintheilet. Schrecken„und Mitleiden! Ist denn das theatralische Schrecken kein„Mitleiden? Für wen erschrickt der Zuschauer, wenn Mcropc„auf ihren eignen Sohn den Dolch ziehet? Gewiß nicht für„sich, sondern für den Aegisth, dessen Erhaltung man so sehr„wünschet, und für die betrogne Königinn, die ihn für den„Mörder ihres Sohnes ansichct. Wollen wir aber nur die„Unlust über das gegenwärtige Uebel eines andern, Mitleiden„nennen: so müssen wir nicht nur das Schrecken, sondern alle