Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
341
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Zweyter Band. 341

selbst errege, auch unser Mitleid erwecken müsse, sobald wirandere damit bedrohet, oder betroffen erblickten; und das isteben der Fall der Tragödie, wo wir alle das Uebel, welcheswir fürchten, nicht uns, sondern anderen begegnen sehen.

Es ist wahr, wenn Aristoteles von den Handlungen spricht,die sich in die Tragödie nicht schicken, so bedient er sich mchr-malcn des Ausdrucks von ihnen, daß sie weder Mitleid nochFurcht erwecken. Aber desto schlimmer, wenn sich Corneille durchdieses weder, noch verführen lassen. Diese disjunctivc Partikelninvolvircn nicht immer, was er sie involvircn laßt. Dennwenn wir zwey oder mehrere Dinge von einer Sache durch sieverneinen, so kömmt es darauf cm, ob sich diese Diugc ebenso wohl in der Natur von einander trennen lassen, als wir siein der Abstraction und durch den symbolischen Ausdruck trennenkönnen, wenn die Sache dem ohngcachtct noch bestehen soll,ob ihr schon das eine oder das andere von diesen Dingen fehlt.Wenn wir z. E. von einem Frauenzimmer sagen, sie sey wederschön noch witzig: so wollen wir allerdings sagen, wir würdenzufrieden seyn, wenn sie auch nur eines von beiden wäre; dennWitz und Schönheit lassen sich nicht blos in Gedanken trennen,sondern sie sind wirklich gctrcnnct. Aber wenn wir sagen,dieser Mensch glaubt weder Himmel noch Hölle: wollen wirdamit auch sagen, daß wir zufrieden seyn würde», wenn ernur eines von beiden glaubte, wenn er nur den Himmel undkeine Hölle, oder nur die Hölle und keinen Himmel glaubte?Gewiß nicht: denn wer das eine glaubt, muß nothwendig auchdas andere glauben; Himmel und Hölle, Strafe und Belohnungsind relativ; wenn das eine ist, ist auch das andere. Oder,um mein Ercmpcl aus einer verwandten Kunst zu nehmen;wenn wir sagen, dieses Gemählde taugt nichts, denn es hatweder Zeichnung noch Kolorit: wollen wir damit sagen, daßein gutes Gemählde sich mit einem von beiden begnügenkönne? Das ist so klar!

Allein, wie, wenn die Erklärung, welche Aristoteles vondem Mitleiden giebt, falsch wäre? Wie, wenn wir auch mitUebeln und Unglücksfällcn Mitleid fühlen könnten, die wir füruns selbst auf keine Weise zu besorgen haben?