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7 (1839)
Entstehung
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353
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Zweyter Band,

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welcher zu viel Mitleid fühlet, sondern auch desjenigen, welcherzu wenig empfindet. Die tragische Furcht muß nicht allein, inAnsehung der Furcht, die Seele desjenigen reinigen, welchersich ganz und gar keines Unglücks befürchtet, sondern auch des-jenigen, den ein jedes Unglück, auch das entfernteste, auch dasunwahrscheinlichste, in Angst setzet. Gleichfalls muß das tra-gische Mitleid, in Ansehung der Furcht, dem was zu viel, unddem was zu wenig, steuern: so wie hiuwicdcruni die tragischeFurcht, in Ansehung des Mitleids. Datier aber, wie gesagt,hat nur gezeigt, wie das tragische Mitleid unsere allzu großeFurcht mäßige: und noch nicht einmal, wie es dem gänzlichenMangel derselben abhelfe, oder sie in dem, welcher allzu wenigvon ihr empfindet, zu einem heilsamern Grade erhöhe; geschweige,daß er auch das Ucbrige sollte gezeigt haben. Die nach ihmgekommen, haben, was er unterlassen, auch im geringsten nichtergänzet; aber wohl sonst, um nach ihrer Meinung, den Nutzender Tragödie völlig außer Streit zu setzen, Dinge dahin gezo-gen, die dem Gedicht» überhaupt, aber kcincswcgcs der Tragödie,als Tragödie, insbesondere zukommen; z. E. daß sie die Triebeder Menschlichkeit nähren und stärken; daß sie Liebe zur Tugendund Haß gegen das Laster wirken solle u. s. w. (°) Lieber!welches Gedicht sollte das nicht? Soll es aber ein jedes: sokann es nicht das unterscheidende Kennzeichen der Tragödie seyn;so kann es nicht das seyn, was wir suchten.

Neun und siebzigstes Stück.Ten '.'ten Februar, 17K8.

Und nun wieder auf unsern Richard zu kommen. Ri-chard also erweckt eben so wenig Schrecken, als Mitleid: wederSchrecken in dem gcmißbrauchtcn Verstände, für die plötzlicheUcbcrraschung des Mitleids; noch in dem eigentlichen Verständedes Aristoteles, für heilsame Furcht, daß uns ein ähnliches Un-glück treffen könne. Denn wenn er diese erregte, würde erauch Mitleid erregen; so gewiß er hinwiederum Furcht erregenwürde, wenn wir ihn unsers Mitleids nur im geringsten wür-

(°) Hr> Curlins in seiner Abhandlung von der Absicht des Trauerspiel?,hinter der Aristotelischen Dichtkunst.

L-Mngs Werke VII. 23