Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
411
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Zweyter Band.

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Es wird aber, fährt er fort, hier dienlich seyn, einer dop-pelten Vcrstoßung vorzubauen, welche der eben angeführteGrundsatz zu begünstigen scheinen könnte.

Die erste bctrift die Tragödie, von der ich gesagt habe,daß sie partikuläre Charaktere zeige. Ich meine, ihre Charak-tere sind partikulärer, als die Charaktere der Komödie. Dasist: die Absicht der Tragödie verlangt es nicht und erlaubtes nicht, daß der Dichter von den charakteristischen Umständen,durch welche sich die Sitten schildern, so viele zusammen zieht,als die Komödie. Denn in jener wird von dem Charakternicht mehr gezeigt, als so viel der Verlauf der Handlung un-umgänglich crfodcrt. Zn dieser hingegen werden alle Zuge,durch die er sich zu unterscheiden Pflegt, mit Fleiß aufgesuchtund angebracht.

Es ist fast, wie mit dem Portraitmahlen. Wenn ein gro-ßer Meister ein einzelnes Gesicht abmahlen soll, so giebter ihm alle die Lincamcntc, die er in ihm findet, und machtes Gesichtern von der nehmlichen Art nur so weit ähnlich, alses ohne Verletzung des allergeringsten eigenthümlichen Zugesgeschehen kann. Soll eben derselbe Künstler hingegen einenKopf überhaupt mahlen, so wird er alle die gewöhnlichen Mie-nen und Züge zusammen anzubringen suchen, von denen erin der gcsammtcn Gattung bemerkt hat, daß sie die Idee amkräftigsten ausdrücken, die er sich itzt in Gedanken gemachthat, und in seinem Gemählde darstellen will.

Eben so unterscheiden sich die Schilderten der beiden Gat-tungen des Drama: woraus denn erhellet, daß, wenn ich dentragischen Charakter partikular nenne, ich blos sagen will,daß er die Art, zu welcher er gehöret, weniger vorstellig macht,als der komische; nicht aber, daß das, was man von demCharakter zu zeigen für gut befindet, es mag nun so wenigseyn, als es will, nicht nach dem Allgemeinen entworfenseyn sollte, als wovon ich das Gegentheil anderwärts behaup-tet und umständlich erläutert habe. (°)

(") Bey den Versen der Horazischen Dichtkunst: Non/ici-ro v.xt,'i»i>iarviliv änoruwliuv I>»Llui» iiniliUvr^iu, vern» >>'»>»! «Ini-i-rl! vuv<.K,

Ivo Hnrd zeiget, daß die Wahrheit, welche Horaz hier verlangt, einen