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Hamburgische Dramaturgie.
„seyn. So gar eine nur mäßige Bekanntschaft mit dem wirk-lichen Leben, ist hier nicht hinlänglich uns zu leiten. Man„kann eine Menge Zndividua bemerkt haben, welche den Poeten,„der den Ausdruck eines solchen Grolles bis auf das Acußcrste„getrieben hatte, zu rechtfertigen scheinen. Selbst die Geschichte„dürfte vielleicht Exempel an die Hand geben, wo eine tugend-hafte Erbitterung auch wohl noch weiter getrieben worden, als„es der Dichter hier vorgestellet. Welches sind denn nun also„die eigentlichen Grenzen derselben, und wodurch sind sie zu be-„ stimmen? Einzig und allein durch Bemerkung so vieler ein-„zeln Fälle als möglich; einzig und allein vermittelst der ausgc-„ breitesten Kenntniß, wie viel eine solche Erbitterung über der-gleichen Charaktere unter dergleichen Umständen, im wirklichen„Leben gewöhnlicher Weise vermag. So verschieden diese„Kenntniß in Ansehung ihres Umfanges ist, so verschieden wird„denn auch die Art der Vorstellung seyn. Und nun wollen„wir sehen, wie der vorhabende Charakter von dem Euripides „wirklich behandelt worden.
„Zn der schönen Scene, welche zwischen der Elektra und„dem Orestes vorfällt, von dem sie aber noch nicht weis, daß„er ihr Bruder ist, kömmt die Unterredung ganz natürlich auf„die Unglücksfällc der Elektra, und auf den Urheber dersel-ben, die Klytämncstra, so wie auch auf die Hoffnung, welche„Elektra hat, von ihren Drangsaalen durch den Orestes be-„ freyet zu werden. Das Gespräch, wie es hierauf weiter„gehet, ist dieses:
«Orestes. Und Orestes ? Gesetzt, er käme nach Arges zurück —
„Elektra . Won, diese Frage, da er, allem Ansehen nach, niemals„zurückkommen wird?
„Orestes . Aber gesetzt, er käme! Wie müßte er es anfangen,„um den Tod seines Vaters zu rächen?
„Elektra . Sich eben deß erkühnen, wessen die Feinde sich gegen„seinen Vater erkühnten.
„Orestes . Wolltest du es wohl mit ihm wagen, deine Mutter„umzubringen?
„Elektra. Sie mit dem nehmlichen Eisen umbringen, mit wel-„chcm sie meinen Vater mordete!