Druckschrift 
7 (1839)
Entstehung
Seite
423
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Zweyter Band.

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Orestes , lind darf ich das, als deinen festen Entschluß, deinemBruder vermelden?

Mektra. Ich will meine Mutter umbringen, oder nicht leben!Das Griechische ist noch stärker:

G«vot^l,t, ^l^T^vi,' llll,tl>' x?rt0'Hi«^«c/ k^l/ri?.

Ich will gern des Todes seyn, sobald ich meineMutter umgebracht habe!Nun kann mau nicht behaupte», daß diese letzte Redeschlechterdings unnatürlich sey. Ohne Zweifel haben sich Bey-spiele genug eräugnct, wo unter ähnlichen Umstanden dieRache sich eben so heftig ausgedrückt hat. Gleichwohl, denkeich, kann uns die Härte dieses Ausdrucks nicht anders alsein wenig beleidigen. Zum mindesten hielt Sophokles nichtfür gut, ihn so weit zu treiben. Bey ihm sagt Elcktra untergleichen Umständen nur das: Zetzt sey dir die Ausfüh-rung überlassen! Wäre ich aber allein geblieben,so glaube mir nur: beides hätte mir gewiß nichtmißlingen sollen; entweder mit Ehren mich zu be-frcycn, oder mit Ehren zu sterben!

Ob nun diese Vorstellung des Sophokles der Wahrheit,in so fern sie aus einer ausgebreitetem Erfahrung, d. i. ausder Kenntniß der menschlichen Natur überhaupt, gesammeltworden, nicht weit gemäßer ist, als die Vorstellung des Eu-ripidcs, will ich denen zu beurtheilen überlassen, die es zu be-urtheilen fähig sind. Ist sie es, so kann die Ursache keineandere seyn, als die ich angenommen: daß nehmlich So-phokles seine Charaktere so geschildert, als er,unzähligen von ihm beobachteten Beyspielen dernehmlichen Gattung zu Folge, glaubte, daß sieseyn sollten; Euripidcs aber so, als er in der cn-geren Sphäre seiner Beobachtungen erkannt hatte,

daß sie wirklich wären. -

Vortrefflich! Auch unangcschcn der Absicht, in welcher ichdiese langen Stellen des Hurd angeführet habe, enthalten sieunstreitig so viel feine Bemerkungen, daß es mir der Leserwohl erlassen wird, mich wegen Einschaltung derselben zu ent-schuldigen. Zch besorge nur, daß er meine Absicht selbst darüber