Zweytes Buch.
Und Auge» mir, nicht Zunge rühret,Thut nicht, was seiner Pflicht gebühre«.
(66) Geistlicher und weltlicher Glaube.
Man merkt, wie gegen Gott der Glaube sey bestellt,
Nur daraus, wie man Glaub und Treu dem Nächsten hält.
(67) Selbsterkenntniß.
Willst du fremde Fehler zählen; heb an deinen an zu zählen;Ist mir recht, dir wird die Weile zu den fremden Fehlern fehlen.
(68) Wcltgunst.
Die Wcltgunst ist ein Meer:Darein versinkt, was schwer;Was leicht ist, schwimmt daher.
(69) Die Zeiten.
Wer sagt mir, ob wir selbst so grundverböste ZeitenBcrböscrn, odcr ob die Zeiten uns verleiten?Der Tag, daran ein Dieb dem Henker wird befohlen,Hätt ihn wohl nicht gehenkt, hätt er nur nicht gestohlen.
(60) Die Gnade.
Das Warm ist Menschen mehr, als Kaltes, angeboren;Den Fürsten sey die Gut mehr als die Schärf erkohren.
(61) Die viehische Welt.
Ein rindcrncr Verstand, und kälbcrne Gcbcrdcn,
Dabey ein wölfisch Sinn, sind bräuchlich itzt auf Erden.
Das Rind versteht sich nicht, als nur auf Stroh und Gras:
Ein Mensch läuft, rennt und schwitzt bloß um den vollen Fraß.
Ein Kalb scherzt, gaukelt, springt, eh es das Messer fühlet:
Ein Mensch denkt nie an den, der stündlich auf ihn zielet.
Der Wolf nimmt, was ihm kömmt, ist fcind dem Wild und Vieh:
Was Mensch und menschlich ist, ist frey vor Menschen nie.
(62) Dank wird bald krank.
Dankbarkeit, du theure Tugend,Alterst bald in deiner Zugcnd:
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