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5 (1839)
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365
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I. Von dem Wcscn der Fabel.

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Bey der Gelegenheit nur, bey welcher sie ihr Erfinder Stesi-chorns crzchltc, ward sie es. Er crzchlte sie nehmlich, als die-Himerenscr den Phalan's zum obersten Befehlshaber ihrerKricgsvölkcr gemacht hatten, und ihm noch dazu eine Leibwachegeben wollten.O ihr Himerenser, rief er, die ihr so festentschlossen seyd, euch an euren Feinden zu rächen; nehmeteuch wohl in Acht, oder es wird euch wie diesem Pferdeergehen! Den Zaum habt ihr euch bereits anlegen lassen, in-dcm ihr den Phalaris zu eurem Heerführer mit unumschränk-tcr Gewalt, ernannt. Wollt ihr ihm nun gar eine Leibwachegeben, wollt ihr ihn aufsitzen lassen, so ist es vollends umeure Freyheit gethan."" Alles wird hier allegorisch! Abereinzig und allein dadurch, daß das Pferd, hier nicht auf jedenBeleidigten, sondern auf die beleidigten -Himcrcnser; der Hirschnicht auf jeden Beleidiger, sondern auf die Feinde der Himc-renser; der Mann nicht auf jeden listigen Unterdrücker, son-dern auf den Phalaris; die Anlegung des Zaums nicht auf je-den ersten Eingriff in die Rechte der Freyheit, sondern auf dieErnennung des Phalaris zum unumschränkten Heerführer; unddas Aufsitzen endlich, nicht auf jeden letzten tödlichen Stoß,welcher der Freyheit beygebracht wird, sondern auf die demPhalaris zu bewilligende Leibwache, gezogen und angewandt wird.

Was folgt nun aus alle dem? Dieses: da die Fabel nuralsdcnn allegorisch wird, wenn ich dem erdichteten einzeln Falle,den sie enthält, einen andern ähnlichen Fall, der sich wirklichzugetragen hat, entgegen stelle; da sie es nicht an und für sichselbst ist, in so scrn sie eine allgemeine moralische Lehre enthält:so gehöret das Wort Allegorie gar nicht in die Erklärung der-selben. Dieses ist das zweyte, was ich gegen die Erklärungdes de lg Motte zu erinnern habe.

Und man glaube ja nicht, daß ich es bloß als ein müssigcS,überflüssiges Wort daraus vcrdrcngcn will. Es ist hier, woes steht, ein höchst schädliches Wort, dem wir vielleicht eineMenge schlechter Fabeln zu danken haben. Man begnüge sichnur, die Fabel, in Ansehung des allgemeinen Lehrsatzes, bloß

° ^Vi'Molews Nlielor, Ii>i> II. <ü>i>, S0.