IV. Von dem Vortrage der Fabeln.
416
ge» nicht kurz, nicht trocken genug aufschrcibcn zu können. Wennich aber itzt die Welt gleich nicht belustige; so könnte sie dochmit der Zeit vielleicht durch mich belustiget werden. Man er-zchlct ja die neuen Fabeln des Abstemius, eben sowohl als diealten Fabeln des Acsopus in Versen; wer weis was meinenFabeln aufbehalten ist, und ob man auch sie nicht einmal mitaller möglichen Lustigkeit crzchlct, wenn sie sich anders durchihren innern Werth eine Zeitlang in dem Andenken der Welterhalten? In dieser Betrachtung also, bitte ich voritzo mit mci«ner Prosa ^ -»»i-l -k,> <>i miiiiill^mMbcr ich bilde mir ein, daß man mich meine Bitte nichteinmal aussagen läßt. Wenn ich mit der allzumuntcrn, undleicht auf Umwege führenden Erzchlungsart des la Fontaine nichtzufrieden war, mußte ich darum auf das andere Ertremum ver-fallen? Warum wandte ich mich nicht auf die Mittclstrassc desPhadrus, und crzchlte in der zierlichen Kürze des Römers, aberdoch in Versen? Denn prosaische Fabeln; wer wird die lesenwollen! — Diesen Vorwurf werde ich ohnfchlbar zu hören be-kommen. Was will ich im voraus darauf antworten? Zwey-crlcy. LLrstlick; was man mir am leichtesten glauben wird:ich fühlte mich zu unfähig, jene zierliche Kürze in Versen zuerreichen. L.a Fontaine , der eben das bey sich fühlte, schobdie Schuld auf seine Sprache. Ich habe von der meinigcneine zu gute Meinung, und glaube überhaupt, daß ein Genieseiner angcbohrncn Sprache, sie mag seyn welche es will, eineForm ertheilen kann, welche er will. Für ein Genie sind dieSprachen alle von einer Natur; und die Schuld ist also einzignnd allein meine. Ich habe die Vcrsification nie so in meinerGewalt gehabt, daß ich auf keine Weise besorgen dürffcn, dasSylbcnmaaß und der Reim werde hier und da den Meisterüber mich spielen. Geschähe das, so wäre es ja um die Kürzegethan, und vielleicht noch um mehr wesentliche Eigenschaftender guten Fabel. Denn zweitens — Ich muß es nur geste-hen; ich bin mit dem Phadrus nicht so recht zu frieden. Dela Motte hatte ihm weiter nichts vorzuwerfen, als „daß er„seine Moral oft zu Anfange der Fabeln setze, und daß er uns„manchmal eine allzu linbcstimmtc Moral gebe, die nicht deutlich