228 Zur Geschichte und Litteratur, Zweyter Beytrag,
X.
Ehemalige Fensrergeinälde im Kloster -Hirschau-
Vitroa fiaeta! dürfte bey dieser Aufschrift vielleicht eilt Le-ser denken, der ecklcr ist, als ich ihn mir wünsche.
Aber mit seiner Erlaubniß. Man muß, auch in der ge-lehrten Welt, hübsch leben und leben lassen. Was uns nichtdienet, dienet einem andern. Was wir weder für wichtig nochfür anmuthig halten, hält ein andrer dafür. Vieles für kleinund unerheblich erklären, heißt öftrer die Schwäche seines Ge-sichts bekennen, als den Werth der Dinge schätzen. Za nichtselten geschieht es, daß der Gelehrte, der unartig genug ist,einen andern einen Mikrologcn zu nennen, selbst der erbärm-lichste Mikrolog ist: aber freylich, nur in seinem Fache. Aus-ser diesem ist ihm alles klein: nicht weil er es wirklich alsklein steht, sondern weil er es gar nicht sieht; weil es gänzlichausser dem Schwinkcl seiner Augen liegt. Seine Augen mö-gen so scharf seyn, als sie wollen: es fehlt ihnen zu gutenAugen doch noch eine grosse Eigenschaft. Sie stehen ihm ebenso unbeweglich im Kopfe, als dieser Kopf ihm unbeweglichaus dem Rumpfe steht. Daher kann er nichts sehen, als wo-vor er gerade mit dem ganzen vollen Körper gepflanzt ist.Bon den flüchtigen Seitenblicken, welche zur Ucberschauung ei-nes grossen Ganzen so nothwendig sind, weiß er nichts. Esgcbörcn Maschinen dazu, den schwerfälligen Mann nach einerandern Gegend zu wenden: und wenn man ihn mm endlichgewandt hat, so ist ihm die vorige schon wieder ans dem Ge-dächtnisse. —
Doch warum diesen Ausfall hier? Meine ehemals so schönbemalte, nun längst zcrbrochnc Fensterscheiben im Kloster Hir-sekan, sind noch lange die Vitrva trsota nicht, die einer sol-chen Vertheidigung bedürfen. Dazu ist es mir nicht sowohlum sie selbst zu thun, als vielmehr um das sonderbare Licht,welches sie mir auf eines von den ältesten Denkmählern derwerdenden Druckcrkunst, oder vielmehr Formenschncidcrcy, zuwerfen scheinen. Und dieser Anwendung, meyne ich, hätteman sich wohl am wenigsten vermuthet.