Druckschrift 
9 (1839)
Entstehung
Seite
288
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288 Zur Geschichte und Litteratur. Zweyter Beytrag.

als um die Wahrheit zu thun gewesen seyn; er soll mit allge-mein bcglaubten Irrthümern nur darum so säuberlich verfahrenhaben, damit man hinwiederum desto säuberlicher mit seinen an-genommenen Sätzen verfahre: kurz, man macht ihn zu demkriechendsten eigcnnüzigsten Demagogen, der dem Pöbel in demReiche der Wahrheit blos geschmeichelt, um ihn zu tyrannisircn.Unmöglich, sagt man, konnte er cs sich doch selbst verbergen,daß die Vernunft mehr auf der Seite des kleinen unterdrücktenHaufens, als der herrschenden Kirchen stehe: aber er sprachdiesen nach dem Munde, um selbst des Beyfalls der mehrernversichert zu seyn. Gut, sügcn Freund und Feind hinzu, daßwir seine Karte kennen! Denn ist es nicht schon auch aus sei-nem Leben genugsam bekannt, daß er doch von dem allen selbstnichts glaubte, was er die Welt überreden wolle, daß sie glau-ben müsse?

6. Glauben! selbst nichts glaubte! Es sey einen Au-genblick. L.eibmtz hat nichts geglaubt: aber war es ihm dar-um weniger vergönnt, die verschicdncn Meynungen von Christo,als so viel verschiedne Hypothesen zu betrachten, nach welchendie von ihm redenden Stellen der Schrift auf eine übereinstim-mende Art zu erklären? Konnte er darum kein gründliches Ur-theil fällen, welche von ihnen der andern vorzuziehen sey, weiler im Grunde von keiner überzeugt war? Was braucht es dazumehr, als zu überschlagen, bey welcher den wenigsten Schrift-stcllen Gewalt geschieht? Und gesetzt, er hätte sich allzuleichthierinn irren können, weil man selten in das Einzelne undGenaue einer Streitigkeit sich einläßt, an der man keinen wah-ren Antheil nimmt: beruht denn hier alles nur aus exegetischenGründen? Gesetzt, der Philosoph müsse es ganz und gar un-entschieden lassen, welcher von beiden Theilen dem andern indiesen überlegen sey: hat die Sache keine andere Seite, vonwelcher er dennoch, und vielleicht nur er allem, sie richtig be-urtheilen kann? Und was könnte uns bewegen, in das Urtheileines -L-eibnirz von dieser Seite, ein Mißtrauen zu setzen? Za,sollte man sein Urtheil nicht eben darum für so viel unpar-thcyischcr halten, weil er innerlich nach keiner Seite hing, undweder das eine noch das andere glaubte?