116 Antiquarischer Briefe sieben und drcyßigster.
Wenigstens, glaube ich, würde er einen Ausfall der Bela-gerten haben annehmen müssen, wenn man in ihn gedrungenwäre, sich umständlicher, auch nach der übrigen Lage der strei-tigen Vorstellung, zu erklären. Denn nur bey dieser kaun derBelagerer mit dem Feinde, zugleich aus der Ferne und in derNähe, zu streiten haben; nur bey dieser kann er gcnöthigct seyn,sich von oben her gegen das, was von den Mauern der bela-gerten Stadt aus ihn gcworffen wird, zu decken, indem er zu-gleich handgemein geworden ist. Handgemein aber ist diese Figur,die wir den Fechter nennen; das ist offenbar. Sie ist nicht indem blossen unthätigen Stande der Vertheidigung; sie greiftzugleich selbst an, und ist bereit, einen wohl abgepaßten Stooßaus allen Kräften zu versetzen. Sie hat eben mit dem Schildeausgcschlagcn, und wendet sich auf dem rechten Fuße, auf wel-chem die ganze Last des Körpers liegt, gegen die geschützte Seite,um da dem Feinde in seine Blöße zu fallen.
Bis hichcr ist also von den Einwendungen des GöttingschcnGelehrten, dieses die schlicsscndcre! „Der Soldat des Chabrias „sollte den anprcllcnden Feind blos abhalten; die Stellung des„ Borghcsischcn Fechters aber ist so, daß er nicht sowohl den„Angriff aufhält, als selbst im lebhaftesten Ausfalle begriffen„ist: folglich kann dieser nicht jener, jener nicht dieser seyn."Sehr richtig; hierauf ist wenig, oder nichts zu antworten; ichhabe mich in meinem vorigen Briefe auch schon erkläret, woheres gekommen, daß mich das Angreifende in der Figur so schwachgerührt hat: aus der Verwechslung der Füße nehmlich, zu wel-cher mich Winkelmann wo nicht verleitet, in der er mich wenig-stens bestärkt hat.
Acht und dreyßlgster Brief.
Aber noch war ich in meinem Vorigen nicht, wo ich sey»wollte. —
Der bildende Künstler hat eben das Recht, welches derDichter hat; auch sein Werk soll kein bloßes Denkmal einerhistorischen Wahrheit seyn; beide dürfen von dem Einzeln, so wiees existirct bat, abweichen, sobald ihnen diese Abweichung eineHöhcrc Schönheit ihrer Kunst gewähret.