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Die Kunst im Alphabet.
Schreiber päpstlicher Bullen und königlicher Ur־künden übten. Diese „Diplom"-Schriften (weilDiplome in ihnen abgefasst wurden) und die so-genannten Kanzlei-Schriften sind höchst sorgfältigausgeführt und in einer Art ornamental, aber unsererSchrift so unähnlich wie, vom praktischen Stand-punkt gemeint, unleserlich. Sie bieten aus allendiesen Gründen viel Anregung. Ein Beispiel eng-lisch er Kanzlei-Schrift gibt das Alphabet 95.
Der Verfall des römischen Reiches brachte natür-lieh auch die Entartung der römischen Schrift, derKapital- und Unzial-Schrift; und eben in dem Grade,wie Rom aufhörte, der eine Mittelpunkt der Weltzu sein und andere Nationen zu Bedeutung gelangten,begann deren Schrift Zeichen von Nationaleigenheitzu zeigen. Für den Verlust von Verfeinerung ge-winnen wir so Abwechslung des Charakters. AmAnfang des 8. Jahrhunderts hatten sich deutlichenationale Schriftstile ausgebildet.
Diese Stile so scharf zu classificiren, wie esdie Gelehrten thun, hiesse den armen Lernenden durchihre Fülle mehr verwirren. Die bedeutenden euro-päischen Völkerstämme waren die Lateiner, Franken,Teutonen und Angel-Sachsen , die Westgothen. Sohaben wir entsprechend den lombardischen, sränki-sehen, teutonischen und angelsächsischen und west-gothischen Schrifttypus, welche schliesslich alle indem sogenannten gothischen aufgehen; doch findenwir darin noch Spuren von Stammeseigenheit,