Druckschrift 
Über die Buchstabenschrift und ihren Zusammenhang mit dem Sprachbau : Gelesen in der Akademie der Wissenschaften am 20. Mai 1824 / Wilhelm von Humboldt
Entstehung
Seite
178
Einzelbild herunterladen
 
  

178

Humboldt

zwischen der Buchstabenschrift und der Sprache auch an einer That-sache zu erlaulern, sei es mir erlaubt, diese Abhandlung mit einigenBetrachtungen über die Amerikanischen Sprachen in dieser Hinsicht zubeschliefsen.

Man kann es als eine Thatsache annehmen, dafs sich in keinemTheile Amerika's eine Spur einer Buchstabenschrift gezeigt hat, obgleiches bisweilen behauptet oder vermuthet worden ist. Unter den Mexica-nischen Hieroglyphen findet sich zwar eine, zum Theil den Chinesischen Coua's ähnliche Gattung, die noch nicht genau erläutert ist, und dies,bei den wenigen vorhandenen Ueberbleibseln, auch wahrscheinlich nichtzuläfst; wären aber darin auf irgend eine Weise Laulzeichen, so wür-den die Nachrichten, die wir über das Land und seine Geschichte be-sitzen, davon Spuren enthalten. Man könnte zwar hier die Einwen-dung machen, dafs auch von Buchstabenzeichen in den Hieroglyphendas Alterthum schweigt. Allein hier ist der Fall durchaus anders. DafsAegypten Buchstabenschrift besafs, fing nur in den allerneuesten Zeitenan bezweifelt zu werden, als man auch die demotische Schrift für Be-griffszeichen erklärte, sonst gab es eine Menge von Zeugnissen, die esbewiesen, oder vermuthen liefsen. Nur darüber stritt man, welche un-ter den Aegyptischen Schriftarten die alphabetische gewesen sei, odersuchte vielmehr den Sitz dieser blofs in der obengenannten demotischen.

Dafs in Amerika ein Zustand früherer Gultur über die ältestenAnfänge der uns bekannten Geschichte hinaus untergegangen ist, be-weist eine Reihe von Denkmälern, theils in Gebäuden, theils in künst-licher Bearbeitung des Erdhodens, die sich von den grofsen Seen desnördlichen Theiles bis zur südlichsten Gränze Peru's erstrecken, vonwelchen ich zu einem anderen Zweck theils aus der Reise meines Bru-ders, der ihre Gränzen, die Mittelpunkte dieser Civilisation, und denStrich, dem sie folgt, genau angiebt, und die Ursachen des letzterensehr glücklich nachweist, theils aus anderen Quellen, vorzüglich denWerken der ersten Eroberer, ein Verzeichnifs zusammengetragen habe.

Meine Aufmerksamkeit bei der Untersuchung der Amerikanischen Sprachen ist daher immer zugleich darauf gerichtet gewesen, ob ihrBau Spuren des Gebrauchs verloren gegangener Alphabete an sich trage?Ich habe jedoch nie dergleichen angetroffen; vielmehr ist der Organis-