— 157 —
Ganzen mäßigen Lebensmittelpreisen. Da die Zölle im allgemeineneine Verteuerung der Konsumartikel bewirken und da keineswegs derNachweis erbracht ist, daß die Arbeiterschaft für eine solche Verteuerungein Äquivalent iu höheren Löhnen finden würde, befürchten die Ar-beiter ans jeder Erhöhung der Zollsätze eine Verschlechterung ihrer Lage,während sie umgekehrt vou jeder Verminderung der Zölle eine weitereVerbesserung ihrer Lage erhoffen. In Konsequenz dieser Anschauungverlangt die Socialdemokratie nicht nur die Fortsetzung der Handels-vertragspolitik, sondern sie tritt ein für eine gänzliche Abschaffungvor allem der Getreidezölle, in denen sie eine durchaus ungerecht-fertigte Belastung der großen Masse der Bevölkerung zu Gunstenweniger Großgrundbesitzer erblickt.
Ebenso wie die Arbeiterbevölkerung haben auch die industriellenUnternehmer und der Handel allen Grund, mit den Wirkungen derHandelsverträge zufrieden zu sein. Industrie und Handel haben seit1894 eine geradezu glänzende Entwicklung erfahren; niemals in derdeutschen Wirtschaftsgeschichte war ein so lebhafter und nachhaltigerAufschwung zu verzeichnen, wie in der Periode 1895 bis 1900. In-folge dessen ist es begreiflich, daß der einmütige Wunsch von Handelund Industrie dahin geht, daß die in den Handelsverträgen gegebenenGrundlagen sür die günstige Entwicklung der letzten Jahre erhaltenbleiben. Freilich vernehmen wir neben diesem einmütigen Wunsche, deretwas allgemeiner Natur ist, Specialwüusche einzelner Industriezweige,von denen seitens der Interessenten angenommen wird, daß ihre Er-süllung das Zustandekommen neuer Handelsverträge nicht verhindernwürde. Von denjenigen Gruppen, die in den 70 er Jahren des vorigenJahrhunderts im Vordertreffen der schutzzöllnerischen Agitation standen,ist namentlich die Spinnerei in ihren Wünschen noch nicht ganz be-friedigt; eine Erhöhung der Garnzölle, namentlich auf die feinerenNummern, wird vielfach verlangt. Der Eisenindustrie kommt es imwesentlichen darauf an, die bestehenden Zölle zu erhalten. Besondershervorgethan hat sich in der letzten Zeit durch das Verlangen nachstarken Zollerhöhungen die Papierfabrikation, obwohl die Papier-industrie durchaus zu unsren exportierenden Industrien gehört. UnsreAusfuhr von Papier und Pappen betrug 1899 59.2 Millionen Markbei einer gleichzeitigen Einfuhr von nur 6,6 Millionen Mark; speciellunsre Ausfuhr von Druckpapier betrug 6 Millionen Mark bei einerEinfuhr von nur 100000 Mark. Außerdem haben es gerade die