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Die Vorgeschichte des Weltkrieges / von Karl Helfferich
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Die türkische Revolution und ihre FolgeD

Die Lage wurde für uns noch bedeutend erschwert durcheinen Schritt, den Österreich-Ungarn im Oktober 1908unternahm. Der Leiter der österreichisch-ungarischenPolitik, Baron Aehrenthal, glaubte sich genötigt, angesichtsder durch den inneren Umsturz in der Türkei ins Ungewissegestellten Verhältnisse und angesichts des mächtigen An-triebes, den unter Förderung durch Rußland und Eng-land die slawische Bewegung auf dem Balkan erhaltenhatte, die Stellung Österreich-Ungarns in Bosnien und derHerzegowina zu klären. Im Berliner Vertrag hatte Öster-reich-Ungarn auf Wunsch der Großmächte die Besetzungund Verwaltung dieser Länder für unbestimmte Zeit über-nommen und in den seither verflossenen dreißig Jahrenein großes Stück Kulturarbeit geleistet, das es jetzt durchden jungtürkischen Umsturz und seine balkanischen Folge-erscheinungen nicht in Frage stellen lassen wollte. Am5. Oktober 1908 proklamierte Österreich-Ungarn die Er-streckung seiner Souveränität auf die beiden Länder.Gleichzeitig erklärte Bulgarien, das bisher formell tür-kischer Vasallenstaat gewesen war, seine Unabhängigkeit,wie man in der Türkei annahm, auf Grund einer Verstän-digung mit Österreich-Ungarn.

Die Erregung in der Türkei war ungeheuer. Obwohl defacto Bosnien und die Herzegowina seit dreißig Jahren vonder Türkei losgetrennt waren und die Türkei seither niemalsirgendwelche Souveränitätsrechte in diesen Ländern aus-geübt hatte, empfanden die Jungtürken die österreichisch-

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