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Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch / von Karl Helfferich
Entstehung
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Die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis

von Grävenitz war, wie sein Herr und Meister selbst,ein guter preußischer Verwaltungsbeamter, brachte abernicht die Eigenschaften mit, die ihn zum Chef der Reichs-kanzlei qualifiziert hätten. Dieser Mangel ist in der kurzenZeit der Kanzlerschaft des Herrn Michaelis sehr fühlbargewesen.

Herr Michaelis stand mit dem Herzen zweifellos auf derSeite der rechtsgerichteten Minderheit des Reichstags.Trotzdem war er von dem ehrlichen Willen beseelt, loyalmit den aus Zentrum, Freisinnigen und Sozialdemokratenbestehenden, gelegentlich durch den Hinzutritt der Natio-nalliberalen verstärkten Mehrheitsparteien zusammenzu-arbeiten. Später, bei seiner Abschiedsrede an die stimm-führenden Bundesratsbevollmächtigten, hat er selbstbekannt, daß er während seiner ganzen Kanzlerschaftschwer unter diesem Zwiespalt gelitten habe.

Zunächst hatte er mit seiner Unterwerfung unter dieFriedensresolution und mit der Ankündigung der Parla-mentarisierung einen gewissen Erfolg. Am Tag nach seinerAntrittsrede, am 20. Juli, wurde der Kriegskredit, andessen Bewilligung sich alle die schweren Diskussionenangeknüpft hatten, mit allen Stimmen gegen diejenigender Unabhängigen Sozialdemokraten bewilligt.

An demselben Tag sah der Kaiser bei mir im Reichsamtdes Innern in Gegenwart der Minister, StaatssekretäreundBundesratsbevollmächtigten dieFührer der einzelnen Reichstagsfraktionen einschließlich

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stimmführenden