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Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch / von Karl Helfferich
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Kaiser und Reichstag

der Mehrheitssozialdemokraten. Es war das erstemal,daß der Kaiser in dieser Weise mit dem Reichstag inBerührung trat. Er unterhielt sich nahezu drei Stundenlang auf das angeregteste und unbefangenste mit deneinzelnen Abgeordneten, ohne jedoch die akuten Fragendes Kanzlerwechsels, der Friedensresolution und derinneren Politik zu berühren.

Es war das einzige Mal, daß der Kaiser mit dem heu-tigen Reichspräsidenten Ebert zusammentraf. Ich hatteihm erzählt, daß Herr Ebert vor kurzem seinen zweitenSohn auf dem Schlachtfelde verloren habe. Nach derallgemeinen Begrüßung und Vorstellung sprach der Kaiserals einen der ersten Abgeordneten Herrn Ebert an unddrückte ihm in schlichten und herzlichen Worten seineTeilnahme aus.

Nachträglich habe ich fast bedauert, dem Kaiser zudieser Zusammenkunft geraten zu haben, die eine persön-liche Fühlung zwischen Kaiser und Reichstag anbahnenund dadurch zum Ausgleich mancher Gegensätzlichkeitenbeitragen sollte; denn es kam mir zu Ohren, daß Teil-nehmer an der Zusammenkunft einige Äußerungen, dieder Kaiser in seiner zwanglosen und burschikosen Artgetan hatte, in vergröberter und entstellter Form ver-breiteten, um Stimmung gegen den Kaiser zu machen.

II Helfferich, Weltkrieg III

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