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Vom Eingreifen Amerikas bis zum Zusammenbruch / von Karl Helfferich
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Die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis

Mehrheitssozialisten aufrechtzuerhalten, wer außerdemBescheid wußte über die starken Kräfte, die in den bürger-lichen Mehrheitsparteien gegen die Kanzlerschaft desHerrn Michaelis am Werke waren, der konnte nicht imZweifel sein, welche Stunde geschlagen hatte.

Zwar wurde ein von den Sozialdemokraten beiderRichtungen beantragtes Mißtrauensvotum gegen denKanzler von den bürgerlichen Parteien abgelehnt, jedochnur, weil man einen Kanzlersturz in offener Reichstags-sitzung zu vermeiden wünschte; aber die bürgerlichenMehrheitsparteien, einschließlich der Nationalliberalen,kamen überein, nach der unmittelbar bevorstehendenVertagung des Reichstags Herrn Michaelis zu eröffnen,daß er nach ihrer Ansicht nicht Kanzler bleiben könne.

Von Michaelis zu Graf Hertling

Im November sollte der Reichstag zur Bewilligung einesneuen Kriegskredits abermals zusammentreten. Schon am22. Oktober versammelte sich die interfraktionelle Kom-mission der Mehrheitsparteien, diesmal unter Hinzutrittder Nationalliberalen, um über die Kanzlerkrisis zu be-raten. Am folgenden Tag besuchten die Vertreter derMehrheitsparteien den Chef des Zivilkabinetts des Kaisers,Herrn von Valentini, um diesem ihre Auffassung überdie Lage darzulegen. Der Rücktritt des Herrn Michaeliswurde dabei als etwas Unvermeidliches behandelt, Die

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