Graf Hertling Reichskanzler
Kandidatur Hertling auf Grund seiner Besprechungen mitden Parteiführern für erledigt.
Graf Hertling ließ sich jedoch dazu bestimmen, zunächstnoch die für den nächsten Tag in Aussicht genommene Unter-redung mit dem Zentrumsführer Trimborn abzuwarten;außerdem übernahm es der Staatssekretär von Kühlmannim Einverständnis mit den Herren Michaelis und Graf Hert-ling, auf die Führer der Mehrheitsparteien einzuwirken.
Herr Trimborn sagte dem Grafen Hertling die volleUnterstützung des Zentrums zu, sprach sich aber dabeimit Entschiedenheit gegen die Trennung des preußischenMinisterpräsidiums vom Amte des Reichskanzlers aus.Graf Hertling, der mir ursprünglich gesagt hatte, daßgerade die Entlastung von den Geschäften und Verantwort-lichkeiten des preußischen Ministerpräsidiums ihm dieAnnahme des Reichskanzleramtes ermögliche, erklärte sichjetzt nach der Unterhaltung mit Herrn Trimborn bereit,Reichskanzler zu werden, wenn der Stein des Anstoßesbeseitigt und ihm entsprechend den Wünschen der Mehr-heitsparteien auch das preußische Ministerpräsidiumübertragen werde. Sehr schweren Herzens entschloß sichder Kaiser, der angesichts der bevorstehenden Ver-fassungskämpfe in Preußen das Ministerpräsidium inpreußische Hände zu legen wünschte, im Interesse einerglatten Erledigung der Kanzlerkrisis das Opfer seinerÜberzeugung zu bringen und den Grafen Hertling auchals preußischen Ministerpräsidenten in Aussicht zu nehmen.
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