Die Kanzlerschaft des Herrn Michaelis
fühlbarer werdende Mangel an Selbstbeherrschung seitensgroßer Teile der Volksvertretung mußten dazu führen,im feindlichen Auslande nicht nur das Wort und dieHandlungen unserer leitenden Staatsmänner zu entwerten,sondern auch das Bild unserer inneren Zerrüttung hervor-zurufen und die Hoffnung zu erwecken, daß sich dasdeutsche Volk gegen seinen Kaiser, gegen seine Regierungund gegen eine angeblich herrschende Kaste werdeausspielen lassen. Wir haben dem Präsidenten Wilsonsein gefährlichstes Stichwort selbst geliefert.
Ich habe persönlich unter diesen Zuständen seit der Über-nahme des Reichsamts des Innern auf das schwerste gelitten,zumal da für mich die Reibungen mit dem Parlament durchdie im Verlauf dieser Darstellung angedeuteten Reibungenmit der Obersten Heeresleitung empfindlich verschärftwurden. Es war deshalb nicht eine Redensart, sondernmein bitterer Ernst, wenn ich schon gelegentlich derVerabschiedung des Herrn von Bethmann Hollweg denKaiser bat, mir in Rücksicht auf die Gegnerschaften inParlament und Presse, die ich mir zugezogen hatte, meineEntlassung zu gewähren, und wenn ich dem GrafenHertling, als er zur Übernahme des Reichskanzleramtesnach Berlin berufen wurde, mündlich und schriftlich dieseGegnerschaft als eine für ihn ebenso unerwünschte wievermeidbare Belastung bezeichnete.
Es gab in der Tat nur zwei Wege: entweder denKonflikt mit der Mehrheit des Reichstags entschlossen
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