Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
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1778 geheimer Kammerrath zu Hannover und öfterszu diplomatischen Sendungen nach England verwendet,bis er in Folge eines Zwistes mit dem Prinzen vonWales seine Stelle 1782 niederlegte und in die Dienstedes Herzogs Karl Wilhelm von Brannschweig trat,der ihn sogleich als wirklichen geheimen Rath tu seinMinisterium berief.

Friedrich der Große , welcher sein Testament in dieHände des Herzogs von Braunschweig niedergelegt hatte,starb, und v. Hardenberg wurde 1787 von seinemGebieter beauftragt, dieß dem königlichen Nachfolgerzu überbringen; diese Reise entschied das künftige Geschickdes einem großen Berufe entgegen gehenden Mannes.König Friedrich Wilhelm II. von Preußen fand hohesWohlgefallen an dem jugendlichen, körperlich schönenund geistig hochgebildeten jungen Staatsmann, undgewann ihn für seine Dienste, indem er sich denselbenvom Herzog von Brannschweig erbat, und ihn vor-läufig zum Minister des Markgrafen von Ansbach undVaireuth bestimmte, welcher damit umging, der Re-gierung zu entsagen und die Lande an Preußen abzu-treten. Sobald dieses Staatsgeschäft abgeschlossen war,was schon nach wenigen Monaten erfolgte, trat v. Har-dcnberg in den preußischen Staatsrath, wurde wirk-licher geheimer Staats-, Kriegs- und dirigirender Mi-nister, und nahm 1792 an des Königs Statt dieHuldigung der neugewonnenen markgräflichen Fürsten-thümer an, und organifirte dieselben nach preußischemModus. Bald darauf wurde er Cabinetsminister mitSitz und Stimme im Cabiuetsministerium und mit denwichtigsten Aufträgen betraut, zu denen auch der Friedens-abschlufi mit der französischen Republik vom 5. April1795 gehörte, nach welchem v. Hardenberg den schwarzenAdlerordcn empfing. Die Thätigkeit des MinistersFreiherr» von Hardenberg war eine ungcmcin große;er brachte eine Menge verwickelter Grcnzstreitigkciten inOrdnung, erhielt außer der Sorge für die fränkischenProvinzen auch die über daS Magdcburg-HalberstädtischeDepartement, wie über das von Wcstphalcn und Rens-chatel übertragen, trat später nnter König FriedrichWilhelm III. an die Spitze des Departements des Aus-wärtigen und ricth in Folge der Kriegsbegebenheitenzu einem Anschluß Preußens an Rußland und Oester-reich, gegenüber einer Partei im Cabiuet, die für denAnschluß a» Frankreich stimmte. Die letztere Parteisiegte, und Hardenberg nahm 1806 unbestimmten Ur-laub, indem er sich auf sein Landgut zurückzog, dochübernahm er 1807 auf den ausdrücklichen WunschKaiser Alexanders von neuem das Portefeuille, gabes aber nach dem Frieden von Tilsit abermals zurück,und lebte einige Jahre frei von aller Last der Staats-geschäfte. Aber im Jahre 1810 ernannte ihn derKönig zum Staatskanzler, und so begann Hardenberg die Wirksamkeit, die ihn im Cabinet so wichtig, und

im Volke so beliebt machte. Es galt zunächst die Be-! seitigung zahlreicher mangelhafter Staatseinrichtungen,! freiere Ausbildung des Nationalwohlstandcs, Nieder-reißung der Hemmungen desselben, und sollte der Staatsich erkräftigen, um sich ermannen zu können, so mußterasch geschehen, was geschehen sollte. Die Leibeigen-schaft, der unnatürliche Dienstzwang, Frvhuwesen undVorspaunpflichtigkeit, Steuerfreiheit des Adels, Mahl-und Tranksteuer, und so viele andere das Staatsschiffbeschwerende Lasten waren über Bord zuwerfen, wennes flott werden sollte, ebenso Zunftwesen, Monopole,Werbcsystem, entehrende Militairstrafeu u. dgl.

In alle diesem war durch das Ministerium vonStein bedeutend vorgearbeitet worden, und von Har-denberg trat mit Muth und Eifer in des großen Vor-gängers Fußtapfen, und bewirkte in Gesetzgebung, Po-litik und Staatsverwaltung die mächtigsten Reformen,in denen er mit bewußtem Geist den Forderungen derZeit und Gesellschaft volle Rechnung trug. Besondersauch gegen Standesvorurtheile und Bevorzugung pri-vilegirter Kasten richteten sich mit die Anordnungen desgroßen Staatsmannes, und da konnte es freilich nichtfehlen, daß diese und jene Parteien den Schöpfer sobedeutender Umwandlungen welcher stets uiit Treueund Hingebung an seinem Könige hing, 1814 denPariser Frieden mit unterzeichnet hatte, und zum Lohneseiner dem Staate so höchst ersprießlichen Dienste inden Fürsten stand erhoben worden war mit miß-liebigen Augen anblickten und ihn der Demagogie be-schuldigten, während andererseits ven Schreiern nachVvlksfreiheit, nach Verfassung und nach allen möglichenvolkssouverainlichen Rechten noch lange nicht genug ge-schah, wohl aber übel genug Saaten der Unzufrieden-heit durch Hetzer und Wühler gesäet wurden. Unbeirrtdurch alles das ging unter einem frommen und ge-rechten König und der Leitung eines der einsichtsvollstenStaatsmänner, den würdige Kräfte unterstützten, dieEntwickelung des preußischen Staatslebcns ihre» ge-messenen Weiterschritt zur Höhe einer europäischenGroßmacht. ,

Der Fürst Staatskanzler wurde 1818 Präsidentdes neuerrichteteu StaatSrathes, und nahm Theil anallen Congresscn und wichtigen Verhandlungen mit denübrigen Mächten in Aachen, Carlsbad, Wien, Troppau ,Laibach und Verona , und feierte noch am 17. No-vember 1822 das 25jährige Regierungsjubiläum seinesKönigs in Verona mit, brach dann zu einer Vergnü-gungsreise in das nördliche Italien auf, erkrankte am17. zu Pavia, und endete am 26. in Genua seinthätiges und segensreiches Leben, in dem er nach der-jenigen Freiheit strebte, die allein das Wohl der Staatenfördern kann, nach der Freiheit des Rechtes und edlerSitte.