Druckschrift 
Zweihundert deutsche Männer in Bildnissen und Lebensbeschreibungen / hrsg. v. Ludwig Bechstein
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

auch daselbst nicht seines Bleibens; er wünschte «dieWelt seines Gottes von mehreren Seiten kennen znlernen» und sich noch würdiger auszubilden. Er nahmden Abschied und reiste 1760 nach PariS ; dort botsich Herder eine Stelle als Reisepredigcr des Prinzenvon Holstein-Eutin; er durchreiste mit diesem Frankreich und mehrere Lander Deutschlands , und hatte die Freude,in Straßburg , welches lange Zeit hindurch ein Sammel-platz junger Söhne deutscher Fürstenhöfe war, die znihrer wissenschaftlichen Ausbildung dorthin entsendetwurden, Goethe kennen zn lernen, wie er in Ham-burg Lessing kennen lernte. Schon hatte sich Herderdurch die Herausgabe seiner «Fragmente über die neueredeutsche Literatur» einen vortheilhaftcn Nuf als geschmack-voller und geistreicher Kritiker erworben, wie dennKritik und litcrarische Polemik ihm mit der Königs-berger Luft angeweht waren, bevor er in höhere reinereSphären geistigen Schaffens sich emporhob. Jetzt er-schienen auch die «kritischen Wälder». Als Predigerentfaltete aber Herder noch ungleich höhere Begabung,wie als junger aufstrebender Kritiker, und zu Darm-stadt , wo er die Bekanntschaft seiner nachherigen Lebens-gefährtin, der geistreichen Marie Caroline Flachslandmachte, wurde ihm die Stelle eines Hofpredigers undSuperintendenten in Bückebnrg angetragen. Herder folgte diesem ehrenvollen Rufe mit Freuden, verlebtein Bückebnrg 3 schöne Jahre in jener Wirksamkeit, fürdie er von Gott berufen war, und lehnte mehrere vonauswärts an ihn ergehende Anträge ab. Endlich be-stimmte ihn ein Ruf aus Hannover zn der in Göttingen offenen Stelle als Univcrsitätsprediger und vierter Pro-fessor der Theologie zur Annahme, allein der unaus-tilgbare deutsche Gelahrtheitzopf vereitelte diese dennoch.

Herder, der ausgezeichnete Prediger und Schrift-steller, der gründlich wissenschaftlich gebildete Mann,sollte erst den Oraclum eines Oootoris saeras Illso-Io°i,i6 erwerben und sich durch ein prüfendes Kollo-quium auf den Zahn fühlen lassen, ob er auch gehörigfest und schnlgerecht im Sattel der Orthodoxie sitze.Herder war ein genialer Andodidakt, stand geistig jeden-falls höher als all' die Colloquisten, fügte sich ungern,wollte sich dennoch fügen, da löste mit einem male diehöhere Hand das götting'sche Dilemma ein Briefvon Weimar kam, ein Brief von Goethe, mit derfreundlichen Anfrage, ob Herder geneigt sei, in Wei-mar die Stelle cincS General-Superintendenten, Hof-predigers und Oberkonsistorialraths anzunehmen?Das gab nun freilich einen Ausschlag; die orthodoxeFaenltät der Gcorgia Angnsta kam um einen Sternund behielt ihre Orthodoxie ungefährdet durch Herder .

Als Schriftsteller war und blieb Herder in jedemseiner verschiedenen BernfSkreisc unausgesetzt thätig, undwas er schrieb befriedigte die Kenner, entzückte diepoetisch fühlenden, und zeigte, wie er danach rang undstrebte, die Nebcrfüllc genial übersprudelnder Kraft all-mählig zn bewältigen und zu klären. Sein durch unddurch poetischer Geist schwang sich siegreich über dastrockene abstrakte der Philosophie, und wenn er, «des

Gottes voll», sich mehr als alleingebietender Herrscherund nicht als berathender Beisitzer im Reiche der Lite-ratur, der Kunst und des Schönen fühlte und zeigte,so war dieß eben ein Beweis seiner überwältigendengeistigen Vollkraft nnv des Bewußtseins seiner göttlichenMission, welche eine höhere war, als im Karren derAlltagsherkömmlichkcit zu gehen, und collegiale Votaabzugeben. Herder's «Urkunde des Menschengeschlechts»wog tausend und aber tausend verstaubte Urkunden auf.

Der Ruf nach Weimar fand Herder im Verhältnißeines glücklichen Gatten und Vaters, gesund und vollfrischer Körper- und Geisteskraft, plänevoll und ruhm-gekrönt mit zweiund dreißig Jahren. Sein neuerLebenskreis konnte in Deutschland, in Europa nichtaus höher anregenden Geistesgrößen gebildet sein; alleswas edelbefreundeter und geselliger Umgang, der ge-bildetste Hofzirkel, ein einflußreiches, wichtiges Amt,Anerkennung, ja Bewunderung der Mitwelt, aus-reichende Mittel, glückliches Familienleben, vergönnteReisen zur Belebung und Erfrischung und vieles der-artige beitragen können, ein Menschenleben voll zu be-glücken, häufte sich auf Herder, dennoch war er keinglücklicher Mann und dieß lag leider in seiner eigenenkrankhaften Gemüthsstimmung, die ihn um einen gutenTheil Lebensfreuden brachte. Im Jahre 1783 machteHerder eine Reise nach Norddeutschland und knüpftemit Claudius, Klopstock, Jerusalem u. a. erfreuendeBekanntschaft- und Freundschaftbandc. Freiherr Friedrichvon Dalberg, Bruder des Herder ebenfalls befreundetenCoadjutvrs Carl von Dalberg, forderte Herder 1788auf, ihn auf einer Reise nach Italien zu begleiten, lindHerder trat diese an, nachdem kurz vorher Goethe ausjenem Lande zurückgekehrt war. Als Herder in Rom war, berief man ihn abermals nach Göttingen ,diesesmal ohne Bedingung eines in der Orthodoxieprüfenden Kolloquiums und Erwerbung des theologi-schen Doctorlitels. Herder dankte. Nach seiner Rück-kehr nach Weimar wurde er Viccpräsident, später (1801)Obcrconsistorial-Präsident und der Kurfürst von Bayern verlieh ihm und seinen Nachkommen den Adel.

Um das Land, dessen Regenten Herder diente, undnamentlich um das Kirchen- und Schulwesen erwarbsich derselbe anerkannte Verdienste, doch rieben die vielengeistigen Mühen auch seine Kraft und Gesundheit auf,was mehrere Badereisen zur Folge hatte, deren Er-folge, wie gewöhnlich, keine nachhaltig dauernde Wir-kung krönte. Noch nicht 60 Jahre alt, ging Herder in die Gefilde des ewigen Friedens ein, und hinterließden verehrenden Nachkommen seine unsterblichen Werke,und seinen Gedenk- und Wahlspruch: Licht, Leben,Liebe- in dem sich alles irdische fühlen zu einemhimmlischen vergeistigt. Denkmäler mangeln ihm nicht,das unvergänglichste Denkmal setzte er sich in denHerzen durch seine Schriften, durch den johanneischenGeist, der ihn erfüllte und durch den ächten Christus-sinn, der ihn beseelte, der seinem Streben Weihe undseinem Ideale Verwirklichung verlieh.