diplom einbrachte. Auch eine alte hebräische Bibel-handschrift von hohem Werth verehrte der Kaiser demberühmten Sprachgelchrten. Einige Jahre später be-gleitete Ncuchlin seinen Gebieter an den Hos KaiserMaximilians I., auf den Reichstag nach Worms , woder Kaiser den Grafen Eberhard zum Herzog erhob,der aber diese neue Würde nur noch wenige Mondentrug. Der 1503 erfolgende Tod dieses seines ihm sognädigen Gebieters brachte Neuchlin in eine mißlicheLage, denn der Administrator auf dem neuen Herzog-throne, welcher dem unmündigen Herzog Ulrich diesenstreitig machte, war Neuchlin nicht gewogen, und dieserentging ihm drohender Gefahr dadurch, daß er sich anden Hof deS Kurfürsten Philipp von der Pfalz begab,wo er im Kreise gelehrter Freunde unangefochten lebte.Dort mag er auch den griechischen Namen Capnio(Rauch) angenommen haben, oder es wurde derselbeihm von seinen Freunden aufgedrungen. Im ihm ver-liehenen Adelsbrief war das Wappen ein Rauch-Altarmit der Inschrift: .-Vra Opmoms. Da der Kurfürstmit Papst Alexander VI. in unangenehme Zwiespaltcgekommen war, sandte ersterer Neuchlin an den Papst,und diesem gelang es durch die überwältigende Machtseiner Beredsamkeit und Sprachgewandheit, alles zuerlangen, was sein fürstlicher Schutzherr wünschte. ImLande Würtcmbcrg waren indessen die nach Eberhard I.Tode entstandenen Wirren geschlichtet und der noch un-mündige Herzog Ulrich in sein Erbe eingesetzt worden;dessen Vormünder riefen Ncuchlin zurück, der dem Rufeum so lieber folgte, als er sich nach Ruhe sehnte, auchseine Frau die ganze Zeit über in der Heimath zurück-gelassen hatte. Neuchlin erhielt einen ausgezeichnetenEhrenposten als Mitglied des schwäbischen Bundes-gerichts, daS nur aus drei Richtern bestand, blieb nebendiesem Amte unausgesetzt litterarisch thätig, und gab,der erste Deutsche, Lehrbücher der hebräischen Spracheheraus, wodurch er sich den Namen eines Vaters der-selben erwarb. — Nach einer nochmaligen Sendungan den Kaiser wählte Neuchlin das DominikanerklosterDcnkcndorf bei Stuttgart mit seiner Familie zum Auf-enthalt, schrieb dort ein Buch über die Kunst zu pre-digen, siedelte dann nach Stuttgart über und hoffteaufs neue ein ruhigeö, seinem Amte und der Wissen-schaft geweihtes Leben führen zu können. Neuchlin
theilte sich mit Erasmus voll Rotterdam in den Ruhmdes größten deutschen Sprachgelchrten; Melanchthon war sein Schüler, alle helldenkenden Geister ehrten undbewunderten ihn, aber den Scholastikern und mönchischenFinsterlingen war er ein Dorn im Auge, und diesefanden in dem Auftreten des getauften Juden Pfeffer-korn gegen das Judenthum, der alle jüdischen Schriften,außer den biblischen, vernichtet wissen wollte, einenAnlaß, alle ihren Haß gegen Neuchlin, der sich gegendie Absichten Pfefferkorn's und seiner fanatischen An-hänger erklärte, zu kehren, wodurch die berühmtenKölner Streithändel sich anspannen, aus denen derKampf der Humanisten und Ncuchlinisten gegen dieDunkelmänner sich entwickelte, an deren und der KölnerDominikaner Spitze der bekannte, genugsam verrufeneHochstrecken stand. Welchen wichtigen Einfluß diesergeistige und gelehrte Kampf auf Luther und den ganzenBeginn der Reformation geübt, welchen Antheil Luther,Spalatin, Ulrich von Hütten und Sickingen an dem-selben genommen, ja selbst der Kaiser, mehrere Fürsten, Cardinäle und Bischöfe, ist bekannt; Neuchlin undHütten verfaßten die berühmten Lpistolss ol)8ourorumvirorum. Der Streit dauerte zehn Jahre lang, bistheils Kaiser Maximilian eine Entscheidung zu GunstenNeuchlin's erwirkte, theils der allgemeine Antheil sichvon ihm ab- und der neuen durch Luther begonnenenBewegung sich zuwandte. Mittlerweile entbrannte derAufstand seines Landes gegen Herzog Ulrich vonWürtemberg, als dessen Diener Neuchlin sein Amt alsVorsitzender des schwäbischen Bundesgerichts niederlegte.Den damals mit Gefangenschaft bedrohten Ncuchlinbefreite von dieser Herzog Wilhelm von Bayern, derFührer des Bundesheeres, und gab ihm sicheres Geleitnach Jngolstadt. Dort las er zwar mit großem Bei-fall, aber unter Mangel und Entbehrungen; endlichgelang es ihm, nach Tübingen, wo er seine werthvolleBibliothek zurückgelassen hatte, im Jahre 1521 zurück-kehren zu können. In Tübingen wurde ihm gleich einLehramt angetragen, man freute sich seiner Rückkehrund seines Besitzes; er nahm auch den philologischenLehrstuhl ein, aber leider nicht auf lange, denn er wurdeim Jahre 1522 von der Gelbsucht befallen, ließ sichnach Stuttgart bringen und endete dort sein viel-bewegtes und thätiges Leben.